Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- IV (5694) 1933/34
- Issue
- Heft 3-4 (Dezember 1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- Seite 58 (sequence 12)
- Belongs to
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55 christlichen Mitbürger in Freud und Leid, im Hochgefühl ihrer Freude und in den Stunden ihrer Bedrängnis. Denn so wie David hat es niemand verstanden, dem Auf und Nieder der menschlichen Seele zu folgen, so wie er hat es niemand fertig gebracht, religiösen Gemütern ein treuer Begleiter zu sein von der Wiege bis zum Grabe. — י Wie eifrig man darum auch in weiten Kreisen bemüht sein mag, den Einfluß des Judentums auf die Weltkultur zu bestreiten, oder, was im Grunde noch viel schlimmer ist, diesen Einfluß an mehr oder weniger materiellen Dingen, an der Zahl der jüdischen Geschäfte, an der Teilnahme der Juden an Wissenschaft, Kunst, Politik usw. abzulesen —: Wir wollen die Ein- Schätzung unseres Wertes uns selber Vorbehalten, w i r wollen die Geschichte befragen und nur das, was s i e uns über den Einfluß des Judentums auf die Weltkultur verrät, soll und darf uns maßgebend sein. V. So interessant es wäre, den historischen Einfluß des Judentums auf die Weltkultur in weiteren Einzelheiten zu verfolgen und insbesondere mit der Frage uns zu beschäftigen, was sich vom Standpunkt des Judentums über die weitere Entwicklung des Christentums bis auf die Gegenwart sagen läfyt, so wollen wir uns doch in die inneren dogmatischen Nöte des heutigen Christentums nicht einmischen. Nur eines wollen wir noch zum Schluß betonen. Es ist bekannt, dafj die Kirche in der Gegenwart lange nicht mehr den Einfluß besitzt, den sie in früherer Zeit gehabt hat. Schuld an diesem Schwinden ihres Einflusses ist vor allem der uralte Gegensatz zwischen Glauben und Wissen, zwischen Religion und Kultur, ein Gegensatz, der eben in unseren Tagen viel schärfer geworden ist, als er in früheren Zeiten war. Es ist nun erschütternd zu sehen, wie gerade die nichtjüdischen Elemente des Christentums es sind, die in ihrer Unverträglichkeit mit der Weltkultur bei hervorragenden Christen einen Zerfall mit ihrer Religion herbeiführen. Sollte das nicht ein Zeichen sein dafür, da!5 die weltgeschichtliche Mission des Judentums noch keineswegs abgeschlossen ist? Wohl sind innere Nöte auch uns nicht fremd. Sie dürfen und werden aber niemals so stark sein, um den uns allen gemeinsamen Stolz auf unsere grofje jüdische Vergangenheit zu erschüttern. Denn nicht Selbstüberhebung ist es, sondern ein Gebot geschichtlicher