Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- IV (5694) 1933/34
- Issue
- Heft 3-4 (Dezember 1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- Seite 56 (sequence 10)
- Belongs to
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56 Judentums auf die Weltkultur zu ermessen. Ist es nötig, diesen Einfluß im einzelnen nachzuweisen? So gar manches tragen die Menschen seit vielen Jahrhunderten in und mit sich herum, ohne zu wissen, wie schwer ihr Lebensgepäck mit jüdischen Edelsteinen beladen ist. So ist z. B. der Begriff der Menschheit ein jüdisches Patent. Die alten Völker kannten keine Menschheit, sie kannten nur sich, nur ihren eigenen Namen und ihre eigene Nation, alle anderen galten ihnen als ״Barbaren". Da kam das Judentum und predigte die Zusammengehörigkeit aller Menschen: Alle Menschen sind Kinder des einen und desselben Gottes. Der Begriff der einen Menschheit hängt mit dem Begriff des einen Gottes zusammen. Nur dann, wenn alle Menschen einen Gott haben, gibt es etwas, was sie innerlich zusammenhält und sie aus einem Rudel wilder Tiere in eine Familie von gesitteten Menschen verwandelt. Hüten wir uns, den Einflufj dieser großen jüdischen Idee auf die Weltkultur zu unterschätzen. Man pflegt im Hinblick auf die Zeit der Renaissance als die Wiege der modernen Weltkultur das antike Griechentum zu bezeichnen. Es ist nicht wahr. Wir könnten uns die moderne Weltkultur viel leichter ohne Griechentum als ohne Judentum denken. Das künstlerisch bewegte und künstlerisch orientierte Griechentum hat die Schönheit des menschlichen Leibes entdeckt, das religiös bewegte und religiöse orientierte Judentum hat die Schönheit der menschlichen Seele entdeckt. Was wäre aber die Weltkultur, wenn ihr gerade d i e Elemente fehlten, die ihr aus der Schönheit der menschlichen Seele erblühten? Es gibt ohne sie keine soziale Ethik, die, wenn sie diesen Namen wirklich verdient, im Judentum verwurzelt ist. Ist es denn ein Zufall, dafy die jüdische Wohltätigkeit einen Glanz ausstrahlt, der selbst das Auge unserer Gegner blendet? Die christliche Kirche ist mit Recht stolz auf die Wohltätigkeit, auf die caritas, die sie seit den Tagen ihres Stifters übt. Wo hat sie diese caritas gelernt? Im Judentum. Es war kein Zufall, da(5 in urchristlicher Zeit die christliche Gemeindekasse den hebräischen Namen ״Corbona" (Opfer) trug. Und wenn in den sog. apostolischen Konstitutionen die Christen verpflichtet wurden, von ihrer Habe die Erstlinge und den Zehnten zu spenden, so haben sie auch dies nicht aus den Fingern gesogen, so haben sie auch dies dem Judentum entnommen. Der Unterschied zwischen jüdischer und christlicher caritas besteht blolj darin, da!5 die ״apostolische"