Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- IV (5694) 1933/34
- Issue
- Heft 3-4 (Dezember 1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- Seite 52 (sequence 6)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2551369-2551397-2551400--1356-2552867- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
52 herbeisehnt, ist denn der Schrei nach Versöhnung und Verständigung, der trotz des Friedens von Versailles immer wieder ertönt, ist das alles etwas anderes als eine moderne Verkleidung jener uralten jüdischen Idee von dem Kommen des Moschiach, von der Verbündung aller Völker, von der Verwandlung der Schwerter und Lanzen in Pflugscharen und Sensen? Noch immer hat politisches Leid die Sehnsucht nach dem Moschiach geweckt. So war es zu allen Zeiten. Und so war es auch, nur noch viel intensiver und hitziger auf dem heiligen Boden Judäas im zweiten Jahrzehnt des ersten Jahrhunderts. Das allgemeine Gefühl der Erlösungsbedürftigkeit wurzelte jedoch nicht bloß in den traurigen politischen Verhältnissen Judäas. Auch die inneren religiösen Zustände waren verworrener als je. Es gab damals drei Parteien unter den Juden: Die Pharisäer, Sadduzäer und Essäer. Die Pharisäer: das waren die Anhänger des alten Judentums, die ihre Lebensweise genau nach Gesetz und Ueberlieferung einrichteten. Es war der weitaus größte Teil der Nation, der unentwegt an der überlieferten Religion festhielt. Die Sadduzäer, die bloß einen kleinen, aber durch Reichtum und soziale Stellung sehr einflußreichen Bruchteil der Nation bildeten, sie emanzipierten sich von einem Teil des jüdischen Religionsgesetzes, und zwar hauptsächlich von denjenigen Elementen der Thora, die ihrem Streben nach politischem Einfluß und unbeschränktem Lebensgenuß hinderlich waren. Die Essäer waren eine Zweigabteilung der pharisäischen Partei: Sie bildeten innerhalb der pharisäischen Partei einen religiösen Orden mit besonders strengen Regeln, unter welchen besonders hervorzuheben sind: Gütergemeinschaft, Ehelosigkeit, Gleichheit und primitive Einfachheit in Kleidung, Nahrung und allen Lebensbedürfnissen. So waren sie bloß mit einem langen weißen Rock bekleidet, der an den Hüften durch einen Gurt zusammengehalten war. Die Zwistigkeiten zwischen Pharisäern und Sadduzäern, auf die wir in diesem Zusammenhang nicht näher eingehen können, waren nicht bloß ein Verhängnis für den inneren, religiösen Frieden, sie haben auch die politische Moral im höchsten Grade ungünstig beeinflußt. Es kam so weit, daß die römischen Landpfleger, nicht genug damit, daß sie sich das Recht anmaßten, jüdische Hohepriester ein- und abzusetzen, gewohnheitsmäßig die Hohepriesterwürde an den Meistbietenden verkauften und, was noch viel schlimmer war, daß sich unter den Sadduzäern