Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- IV (5694) 1933/34
- Issue
- Heft 3-4 (Dezember 1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- Seite 50 (sequence 4)
- Belongs to
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50 I. Es war vor ungefähr 1900 Jahren, zur Zeit der römischen Herrschaft über Palästina, oder wie man besser sagt, Judäa, denn damals gehörte ja das Land noch der jüdischen Nation, die blof3 unter römischer Oberhoheit stand. Der römische Kaiser ließ das Land durch Statthalter verwalten, die sogenannten Landpfleger. Die römische Macht wurde naturgemäß von den Juden recht schwer und hart empfunden. Man würde aber doch den Römern Unrecht tun, wollte man nicht zugeben, daß die ersten Landpfleger, die nach Judäa kamen, bemüht gewesen sind, den Juden die Fremdherrschaft möglichst erträglich zu machen. Das brachten sie aber nur fertig, indem sie sich vor allen Dingen hüteten, die religiösen Gefühle der Juden zu verletzen. Wenn römische Truppen in Jerusalem einzogen, dann hatten sie Befehl, von ihren Fahnen die göttlich verehrten Kaiserbilder abzunehmen, weil den römischen Machthabern die jüdische Anschauung bekannt war, die in dem Bibelwort niedergelegt ist: Du sollst Dir kein Bild machen, kein Abbild dessen, was im Himmel droben und was auf Erden unten (Ex. 20,4). Ja, im jüdischen Lande durften nicht einmal die römischen Münzen mit den Köpfen der römischen Kaiser Augustus und Tiberius geprägt werden. So weit ging die Rücksichtnahme Roms auf die religiöse Empfindlichkeit seiner jüdischen Untertanen. Diese dank der römischen Toleranz einigermaßen erträgliehen Verhältnisse hörten nun mit einem Schlage auf, erträglich zu sein, als im Jahre 26 die Stelle des Landpflegers neu besetzt wurde. Der neue Mann führte die später so berühmt gewordenen Namen Pontius Pilatus. Die Entsendung dieses Mannes nach Judäa hängt mit Vorgängen in Rom zusammen, die uns hier weniger interessieren. Wichtig für die Juden war's und wichtig sollte es späterhin, wie wir noch sehen werden, für das Schicksal der ganzen Weltkultur werden, daß dieser Pilatus im Einverständnis mit seinem Vorgesetzten, dem römischen Minister Sejan, mit ganz neuen Verwaltungsmaximen nach Jerusalem kam, daß er mit den duldsamen Ueberlieferungen seiner Vorgänger brach und in Jerusalem einen förmlichen Kulturkampf zu entfesseln wußte. In der Hauptsache waren es zwei Vorgänge, die unter den Juden maßlose Erbitterung und Empörung erzeugten, ja sogar zu hitzigen Revolten und blutig ausgehenden Straßentumulten führten: die öffentliche Aufstellung der Kaiserbilder in Jerusalem, die Beschlagnahme des Tempelschatzes, um daraus