Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- III (5693) 1932/33
- Issue
- Heft 10-11 (Juli 1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- Seite 357 (sequence 61)
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357 Öb die ,Wandlungen, die wir für die Epoche des Spätkapitalismus festgestellt haben, und die sich' in Zukunft noch verstärken dürften, geeignet sind, uns mit dem Kapitalismus zu versöhnen? —Sympathisch!mag er!ujns erscheinen, aber als Juden würden wir Fremde in ihm bleiben, wie es unser Galuth Schicksal ist, fremd zu bleiben unter den Völkern. So wenig wir hoffen können, daß der nichtjüdishe Staat, als dessen politische Bürger wir uns bekennen, unseren an der Thora orientierten jüdischen Idealen jemals entsprechen wird, sowenig können wir *damit rechnen, daß seine Wirtschaftsordnung dieunsere seinwird. Dadurch ist das Problem der rechten Sozialordnung für uns in besonderer Weise kompliziert. Es handelt sich nicht nur um die Frage, welche Ordnung als solche besser und gerechter ist, sondern noch um die weitere, in welcher wir uns als Juden besser entfalten können. Diese beiden Gesichtspunkte können unter Umständen miteinander in Konflikt kommen. Solche Konflikte sind uns im staatlichen Leben vertraut. Konservativ von Gesinnung, fühlen wir uns vielfach in eine liberale Richtung gedrängt. So waren unsere Väter gezwungen, gegen die berufsständische Verfassung des Mittelalters anzukämpfen, obwohl diese vielleicht Von größerem!sittlichen Gehalte war als jene, die die Väter herbeiführen halfen, da eben die alte Verfassung ihrten keinen Raum gewährte, und in einem ähnlichen Konflikte mag heute mancher Jude sich hinsichtlich der Beurteilung der nationalsozialistischen Wirtschaftsverfassung befinden. Nun kann man freilich die Meinung vertreten, daß die Zurücksetzung der Juden durch die konservativen Mächte nicht in der konservativen WeltansChäuung begründet ist, und daß ebenso das Wirtschaftsprogramm des Nationalsozialismus auch ohne Ausschluß der Juden durchfühlbar wäre, sodaß die angedeuteten Konflikte nur durch äußere Mängel hervorgerufen scheinen. Aber es sind auch Konflikte denkbar, die im Wesenhaften begründet sind. Auf die allgemeinste Formel gebracht, ist das Problem das folgende: Eine ideale Sozialverfassung schaffen, heißt den richtigen Ausgleich zwischen Individual- und Sozialinteresie finden. Un sere Individualität aber ist von besonderer Prägung, und wenn wir nicht eine selbständige soziale Gemeinschaft bilden, so hebt sich das jüdische Individuum im allgemeinen stärker von der Gesellschaft ab als ein anderes. Wir müssen demzufolge