Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- III (5693) 1932/33
- Issue
- Heft 10-11 (Juli 1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- Seite 346 (sequence 50)
- Belongs to
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346 Warum aber hat Sombart das nicht gesehen? Warum sah er nicht die zahlreichen Beschränkungen und Bindungen, die die jüdische Religion, so ganz und gar wider den kapitalistisehen Geist, der Wirtschaft auferlegte? — Man muß hier die besondere Fragestellung beachten, von der Sombart ausgegangen ist. Ihn drängte es ja nicht zu untersuchen: Wie steht das Judentum zur Wirtschaft? Sombart wird vonaußen auf diese Frage gestoßen. Er hatte in seinen Studien zur Ent- Wicklungsgeschichte des Kapitalismus einen hervorragenden Anteil der Juden an der kapitalistischen Wirtschaft festgestellt, das tatsächliche Verhältnis von Judentum und Kapitalismus war für ihn gegeben, und sö interessierte ihn nur das Problem: Was hat die Juden befähigt, jenen gewaltigen Einfluß auf die wirtschaftliche Entwicklnug auszuüben? Woher ihre Qualifikation für den Kapitalismus? Sombart weist auch zunächst eine Reihe objektiver Faktoren nach, die in der äußeren Lage der Juden im ausgehenden Mittelalter und in den Jahrhunderten vor der Emanzipation bedingt sind und die sie teilweise geradezu zwangen, gegen die damals herrschende Wirtschafts- Ordnung anzukämpfen. Aber Sombart genügt das nicht und er fragt weiter: Woher ihre geistige Disposition für den Kapitalismus? So stößt er auf die Religion, und hier wiederum genügt es ihn־ nicht, die starke intellektualistische Einstellung tl-er Juden als Folge des in früheren Zeiten mit größter Intensität gepflegten Talmudstudiums festgestellt zu haben, auch die spezifische Einstellung zu den wirtschaftlichen Dingen, die dem Kapitalismus eigen ist, soll der Jude von der Religion her haben. So komlmt Sombart zu einer ganz einseitigen Betrachtung, reiht alles aneinander, was er im jüdischen Schrifttum an positiver Wertung des wirtschaftlichen Wohlergehens und Erwerbes findet, wobei sich die Einseitigkeit nicht u!ur auf die Auswähl des Materials, sondern auch’ auf seine ausdeutung erstreckt. Was aber auf eine andere Einstellung zur Wirtschaft schließen Tatsache, in der wiederum ein bedeutender Vorzug der jüdischen Religion begründet ist, nicht in Abrede zu stellen. Aber der Rationalismus füllt das Judentum nicht aus, und wie in jeder Religion wirken auch in der jüdischen mächtige irrationale Faktoren. Da überdies Sombart den Rationalismus dem Traditionalismus gegenüberstellt und damit zugleich den Gegensatz zwischen kapitalistischer und vorkapitalistischer Wirtschaftsweise kennzeichnen will, 80 ist es nicht unangebracht darauf hinzuweisen, daß es kaum eine Religion gibt, in der das traditionelle Moment eine so starke Rolle spielt wie im Judentum.