Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- III (5693) 1932/33
- Issue
- Heft 10-11 (Juli 1933)
- Date
- 1933-07-01
- Page
- Seite 344 (sequence 48)
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344 gensatz und auch nicht in einer irgendwie gearteten Spannung zu wirtschaftlicher Betätigung und zu wirtschaftlichem Streben, im Gegenteil, die Religion fordert diese geradezu vom Menssehen. Dementsprechend finden wir auch im biblisch-talmiidischen Schrifttum an zahlreichen Stellen eine scharfe Kritik wirtschaftlicher Dinge, aber sie hat doch einen anderen Grundton als iim Christentum, wir finden auch zu wiederholten Malen lobende Worte über die Armut, aber es wird niemals ein Armutsideal aufgestellt, wir begegnen auch mehrfach Mahnungen zur Einschränkung der wirtschaftlichen Tätigkeit, aber es wird nie zur Weltflucht aufgefordert. Es ist begreiflich, daß die jüdischen Sombartkritiker all jene Stellen, in denen eine wirtschaftskritische Einstellung zum Ausdruck kommt, aus dem jüdischen Schrifttum herausgesucht haben. Es ist auch nicht ohne Reiz, die Parallelen zu gewissen neutestamentliehen Aussprüchen aufzuzeigen, aber die Grundeinstellung ist doch eine andere1), und es ist durchaus nicht angebracht, den gewaltigen Vorzug des Judentums, der in der 4) Man beachte die bekannte Parallele zwischen Matth. 6, 25 ff. in der Bergpredigt und Talmud Babli Kiduschin 82 a. Das Motiv ist das gleiche, aber die Tendenz deutlich verschieden. In Matth, heißt es: ״Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ibr anziehen werdet... Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und ihr himmlischer Vater nähret sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?...״ Dagegen der Talmud: ״R. Simon ben Eleasar sagt: Hast du jemals einen Vogel oder ein Tier ein Handwerk ausüben sehen? Sie ernähren sich ohne Mühe und sind doch nur geschaffen, mich zu bedieuen. Ich aber bin geschaffen, meinen Schöpfer zu bedienen. Ist es da nicht recht, daß ich mich ohne Mühe ernähre? Allein ich habe meine Taten schlecht gemacht und meine Ernährung beeinträchtigt.“ — Die Parallele lieg! auf der Hand, aber sie bleibt äußerlich, und io der verschiedenen Auswertung des Gleichnisses wird die unterschiedliche Stellung zur Wirtschaft offenbar. In der Bergpredigt wird das Gleichnis benutzt, um dem Menschen zu zeigen, wie er sich zu verhalten habe, nämlich wie der Vogel, der sich um Nahrung nicht kümmert. Der Talmud verwendet dasselbe Gleichnis, um dem Menschen das Ideal vor Augen zu führen, dessen er sich würde erfreuen'können, wenn er nicht gesündigt hätte. Aber da er einmal gesündigt und seine Nahrung beeinträchtigt hat, muß er sich eben plagen. Dessenungeachtet haben die Weisen an anderer Stelle das mangelnde Gottvertrauen dessen getadelt, der die Nahrung des Tages sichergestellt hat und sich sorgt: Was werde ich morgen essen? (Mechilta zu Exodus 16,4) — in Übereinstimmung mit dem letzten Satz des zitierten neutestamentlichen Kapitels: ״Darum sorget nicht für den andern Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigne Plage habe״.