Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- III (5693) 1932/33
- Issue
- Heft 8-9 (Mai 1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 288 (sequence 56)
- Belongs to
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Annahme einer bevorstehenden Sowjetherrschaft steht es fest, daß das Proletariat heute dem Judentum Kräfte entzieht. So stark sich die zur Assimilation bereiten Juden von antisemitisch durchsetztem Bürgertum abgestoßen fühlen, genau so stark fühlen sie sich vom Proletariat angezogen. Die Entwicklung der letzten Jahre hat die Juden in Deutschland sozial in die Nahe des Proletariats gebracht. Andererseits erweitert sich' die soziale Struktur des Proletariats immer mehr, sie nimmt immer größere Kreise der ihr sozial nahestehenden Schichten auf. Die Aufnahmebereitschaft des Proletariats ist gegenüber den Juden genau so groß wie allen andern Bevölkerungsgruppen gegenüber, da nach der Ideologie des sogenannten klassenbewußten Proletariats die Herkunft zwischen Mensch und Mensch nicht trennen darf. So begegnen sich Judentum und Proletariat auf halben Wege. Die Begegnung kommt faktisch in dem immer häufiger werdenden Eintritt jüdischer — auch: orthodoxer — Jugendlicher in proletarische Jugendvereine zum Ausdruck. Die Folge dieses Eintritts für den Jugendlichen erschöpft sich1 nicht in einer proletarisch orientierten politischen Ein- Stellung, wogegen nichts zu sagen wäre, vielmehr bedeutet er die völlige Absorbierung des Eintretenden durch die in diesen Vereinen gepflegten Lebensformen, und also eine Entfremdung gegenüber dem Jüdischen in Leben und Denken. Heller hätte sich’s sparen können, lange Seiten hindurch die Statistik zu bemühen, um zu beweisen, daß die Assimilation im Fortschreiten )begriffen ist. Das ist heute eine alltägliche Erfahrung. Dem widerspricht die Tatsache nicht, daß es andererseits Kreise gibt, die sich stärker zusammenschließen, als sie es noch vor einiger Zeit getan haben. Die beiden Verhaltungsweisen sind zwei verschiedene praktische Umsetzungsformen derselben Lebenserfahrung, die den Juden vor die Alternative stellt, entweder in der Umgebung aufzugehen, oder sich auf heimische Werte zu besinnen und eigene Lebenskreise zu bilden. Daher dürfte es voreilig sein, von dem Untergange des Judentums zu reden. Es gibt in Deutschland keinen Untergang des Judentums. Es gibt nur untergehende Juden. Mit der Substantivierung des Verbes verleiht man dem Vorgang eine Versachlichung, welche die über der Entscheidung der Einzelnen liegende Gewalt des Vorganges dokumentieren soll. Auf diese Weise kann man der Auseinandersetzung aus dem Wege gehen. Vor der objektivierten Gewalt des' higtori-