Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- III (5693) 1932/33
- Issue
- Heft 8-9 (Mai 1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 255 (sequence 23)
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255 Freiheitsforderung als solche ist demzufolge absolut, und die Freiheitsbeschränkungen, die sich der Einzelne in praxi gefallen lassen muß, sind im gewissen Sinne ein Opfer, das er der Gesamtheit bringt. Das Individualprinzip stößt sich am S o z i a 1 p r i n z i p. Die jüdische Auffassung ist eine andere. Zwar hat die Gemeinschaftsidee auch hier ihren Platz, aber absolute Freiheit gibt es ohnedies nicht — בי עבדי הם — und wenn die Freiheit des Einzelnen eingeengt wird, so geschieht es nicht nur mit Rücksicht auf die anderen Mensehen. Dem Herrschaftsstreben des Individuums muß eine Grenze gezogen werden, und gäbe es nur einen einzigen Menschen auf der Welt, weil er sonst in den göttlichen Herrschaftsbereich eingreifen würde, weil er vergessen würde, daß Gott sein Herr und der Eigner seines Bodens ist. Es handelt sich also nicht allein darum, das Recht des einzelnen Menschen gegen das des anderen abzugrenzen, sondern um das Recht des Menschen gegen Gott. Die Idee der Gemeinschaft verliert dadurch nicht an Gewicht, daß sie dem theokratischen Prinzip untergeordnet ist. Der Gedanke der gemeinsamen Gottesknechtschaft aller Glieder des Volkes ist im Gegenteil geeignet, die Bedeutung der Gemeinschaftsidee noch zu unterstreichen, ja durch ihn erhält sie erst einen tieferen sittlichen Gehalt. Es ist charakteristisch, daß in der unmittelbar ins Transzendentale gerichteten Sabbathidee der soziale Gedanke stärkeren Ausdruck gefunden hat als in den neuzeitlichen Wochentagsruhegesetzen, die sich als das Produkt einer ausschließlich sozialen Gesetzgebung darstellen. Ueberdies wird das Gemeinschaftsbewußtsein dadurch gestärkt, daß die natürlichen Zusammenhänge der Stämme und Geschlechtei erhalten bleiben. So spielt denn das solidarische Prinzip im biblischen System eine so hervorragende Rolle, daß man geradezu von einem System des Solidarismus sprechen könnte. Diese Bezeichnung scheint um so begründeter, als das System von vornherein darauf ausgerichtet ist, das Entstehen sozialer Gesetze und wirtschaftspolitischer Antinomien zu hindern, und es nicht darauf ankommen läßt, daß sich die Gegensätze zu ihrer vollen Schärfe entwickeln und erst nachträglich ein Ausgleich gesucht werde. Zum Solidarismus gehört eine allgemeine Solidarität der Interessen, wie sie im biblischen System von vornherein dadurch gesichert ist, daß der größte Teil der Bevölkerung