Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- III (5693) 1932/33
- Issue
- Heft 4-5 (Januar 1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 41)
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153 jetzt nicht, wie der Pilpul, die Wirklichkeit, noch überschätzen wir sie, wie der Higgajon, sondern sehen ihre wahre Gestalt von einer höheren Warte. Um das Ziel dieser Methode wirklich zu erreichen, ist aber ein besonderes Menschenmaterial vonnöten. Zu diesem Zwecke schuf sich Telschi auch seine besondere — man könnte fast sagen individualistische — Art der Erziehung, den sog. Telscher Mussar. Während andere Jeschiwoth versuchen, ihre Menschen einem bestimmten Normaltyp anzugleichen, will man in Telschi das Problem der Formung eines Menschen für jeden besonders lösen. Des Menschen Seele besteht aus vielerlei Anlagen, Neigungen und Trieben, die alle weder absolut gut noch absolut schlecht zu!nennen sind, sondern sich nur gut oder schlecht auswirken können. In Telschi betrachtet man nun als Aufgabe des Mussar nicht etwa, von uns schlecht genannte Eigenschaften auszureißen, sondern alle gute wie schlechte — auf das von der Thora ihnen vorgeschriebene Maß zurückzuführen, entsprechend der Bezeichnung Eigenschaft - Maß (יימדד׳ im Hebräischen, ln dieser Form darf und soll sich der Mensch jeder doch von Gott verliehenen Eigenschaft bedienen; so kann sie nur Gutes wirken. Die Lösung dieser Aufgabe sieht natürlich für jeden Menschen seinen in ihm vorhandenen Eigenschaften gemäß verschieden aus. Zwei Talmudstellen, mit denen Rabbi Josef Löb Bloch diese seine Erziehungsmethode gerne zu belegen pflegte, mögen uns beweisen, daß schon die Lehrer des Talmuds dieser Auffassung des MusSar huldigten. Nedarim 66 b wird von einem Manne erzählt, der seiner Frau jegliche Nutznießung an seinem Vermögen versagte, wenn sie nicht von ihren Gerichten Rabbi Jehuda und Rabbi Schimon zu kosten gebe. Rabbi Jehuda ging darauf ein, indem er sich auf die Vorschrift stützte, daß bei einer Sota um des häuslichen Friedens willen sogar der heiligste Gottesname verlöscht werde, um wieviel mehr müsse in einem solchen Falle er auf seine Ehre verzichten. Rabbi Schimon hingegen lehnte zürnend ab. Im Gegensatz zur Gepflogenheit des Talmuds sonst, in einer Meinungsverschiedenheit Zwischen Tannaim die Entscheidung zu treffen, läßt er hier beide divergierenden Meinungen in ihrer ganzen Schärfe vor uns bestehen. Da wir doch keinesfalls annehmen dürfen, daß uns der Talmud diese Begebenheit nur um ihrer selbst willen berichtet, so haben wir gerade von der doppelten Lösung des Problems zu lernen.