Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- III (5693) 1932/33
- Issue
- Heft 4-5 (Januar 1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 147 (sequence 35)
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141 schauen. Er wird für sich anführen :können, wie in religiösen Kreisen nicht der katastrophale Verfall zu beobachten ist. Gewiß sind nicht alle diese Auffassungen diametrale Gegensätze; aber sie zeigen doch zur Genüge, wie auf die eigentlich wissenschaftliche Fragestellung nach dem Warum die;Antwort je pach der weltanschaulichen Einstellung eine verschiedene sein muß. Eine ähnliche Gedankenreihe wird sich ergeben, wenn man die soziale Frage als solche zur Diskussion stellt, die mit der sozialhygienischen Betrachtung so eng verbunden ist. Der materialistisch eingestellte Soziologe wird versuchen, die soziale Frage als auf den biologischen Gegebenheiten und den wirtschaftlichen Umwelteinflüssen beruhend darzustellen. Derjenige jedoch, der nicht durch materialistische Voreingenommenheit belastet ist, wird sehen, daß ״die Momente, die die Grundlage der Kultur bilden, hierbei eine wesentliche Rolle spielen“. Er wird erkennen, ״daß auch die Fragen der Moral, der Ethik von tiefeinschneidender Bedeutung sind. Denn nicht nur die biologische Grundlage der Erbmasse bestimmt die soziale Schichtenbildung. Aus den vielen biologisch bedingten Unterschieden der Menschen allein entsteht noch1 keine s o zi a 1 e Frage in einem solchen Ausmaße, wie wir sie jetzt als Zeitgenossen erschüttert erleben. Es sind aber nicht bloß wirtschaftliche Momente, die die soziale Frage begründen, sondern in erster Linie sittliche. Man muß erkennen, daß diese Frage nur dadurch zum Medusenhaupt der Gegenwart werden konnte, daß grundlegende Gesetze der Ethik — die der Gerechtigkeit und Nächstenliebe — nicht auf die Dauer ungestraft mit Füßen getreten werden können!“ Auf dieser Basis erkennt Niedermeyer die geradezu zentrale Bedeutung der Ethik, die ethisch-metaphysisehe Spitze des Problems. Gehen so in der Frage der!Kausalität die Meinungen den Weltanschauungen entsprechend auseinander, so muß es zu einem ausgesprochenen Schisma kommen bei der dritten Frage:!Was soll sein? Diese Frage, die tief in das Gebiet der Sözialpolitik hineinragt, wird ein Wertung der biologisch'- soziologischer Erscheinungen zur Voraussetzung haben. Und der Wertmesser wird ganz ein Produkt der ethisch-weltanschaulichen Einstellung Sein. Man hat zwar versucht, einen rein biologisch-medizinischen Maßstab zu finden, und nach