Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- III (5693) 1932/33
- Issue
- Heft 4-5 (Januar 1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 7)
- Belongs to
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119 erklärt sich die unerhörte Ruhe, die scheinbare Gleichgültigkeit, mit der Israel seit bald zwei Jahrtausenden das politische Schicksal seines angestammten Landes verfolgt, erklärt sich mit einem Worte die Tatsache, daß das jüdische Volk in den langen Jahrhunderten, die seit dem Untergang des jüdischen Staates verflössen sind, niemals so etwas wie eine jüdische Irredenta besaß. Ja, ומי כעמך ישראל גוי אחד בארץ, das heilige Land ist eben doch etwas mehr als ein — Territorium, das man verlieren und eines schönen Tages auf Grund eines diplomatischen Papierfetzens wieder gewinnen kann. So einfach ist die Sache nicht. Als die Franzosen 1870 Elsaß-Lothringen verloren, gaben sie die Parole aus: Niemals davon sprechen, doch immer daran denken! Als wir vor fast zweitausend Jahren ארץ ישראל verloren, da gaben wir die umgekehrte Parole aus: Immer vom Moschiach sprechen, immer, so oft wir uns im Gebete vor Gott zusammenfinden, vom Moschiach reden, die Geula erwähnen, die Geula ersehnen, doch niemals allzu viel darüber nachdenken! משיח אינו בא רק בהיסח הדעת (Sanhedrin 97 a): Moschiach kommt, wenn niemand an ihn denkt. — * * * Worauf beruht aber diese zarte Scheu, diese keusche Andacht, die uns erfüllen soll, wenn wir an Moschiach denken und von ihm reden? Sie beruht darauf, daß die Messiaslehre ebenso wie Gottesbegriff und Thoraoffenbarung ein religiöses Dogma ist. .Wer den religiös-dogmatischen Charakter der Messiaslehre ablehnt, für den gibt es nur ein Entweder-Oder. Entweder landet er beim politischen Messianismus des nationalen Judentums oder beim philoso ph ischen Messianismus des liberalen Judentums. Beide Wege sind Irrwege. Der politische Messianismus setzt an die Stelle des Moschiach das sich selbst erlösende jüdische Volk, der philosophische Messianismus setzt an die Stelle des Moschiach die Zukunft des Menschengeschlechts, die Verwirklichung der Sittlichkeit auf Erden. Und was das Schlimmste ist: Beide Richtungen, sowohl der politische als auch der philosophische Messianismus berufen sich auf die jüdische Tradition. So schreibt, um nur ein Beispiel herauszugreifen, der klassische Vertreter des philosophischen Messianismjus, Hermann Cohen, in einer Abha'ndlung über ״Das Gottesreich" folgendes: ״Kein Höhepunkt unserer Religion ist in den neueren Zeiten zu solcher Anerkennung gekommen, wie der