Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- III (5693) 1932/33
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- Seite 98 (sequence 38)
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98 sehbare Zeit ebensogroße Realität wie Erez Jisroel. Daraus sind die Konsequenzen zu ziehen. Derartige Gedanken finden sich häufig in den Veröffentlichungen des Kadimah, man hört sie auch in Unterhaltungen zwischen einzelnen Mitgliedern dieses Bundes. —2) Es ist noch ein anderes, was den Kadimah von Brith Haolim trennt: seine Grundhaltung zum Sozialismus. Der Brith Haolim ist eindeutig marxistisch und betont bei jeder Gelegenheit den klassenkämpferischen Gedanken. Anders beim Kadimah, wo die entgegengesetzte Einstellung soziologischen Bedingungen unterworfen ist: Dort das kleinbürgerlich-ostjüdisciie Milieu, hier die junge Generation der oft in materiell glänzender Lage lebenden westeuropäisch-deutschen Zionisten. (Auch die Sympathie des Kadimah für den Brith Schalom muß in diesem Zusammenhänge erwähnt werden). Die Tendenz und die Tatsache, daß ein Teil der Menschen des Kadimah sich durch die Hachscharah bereits praktisch in die Arbeiterschaft einordnete und viele andere sich innerlich darauf vorbereiteten, führte dazu, daß die Frage der Arbeit, der Arbeiterbewegung und des Sozialismus besonders für die zionistisch fortgeschrittensten Gruppen in den Mittelpunkt des Nachdenkens rückte. Es v/ar eine Ueberraschung, daß auf dem Bundestage 1932 bei der Diskussion über das Referat ״Bund und Sozialismus“ der überwiegende Teil zu einer sozialistischen Anschauung sich bekannte. Man darf aber die Gründe für die Entscheidung nicht in einer klaren Kenntnis des Sozialismus suchen. Es ist vielmehr die politische Entwicklung in Deutschland, die heute junge Menschen schon sehr früh zu einer politischen Stellungnahme zwingt. Hier kann man fast von einer zwangsläufigen Entwicklung zum Sozialismus sprechen; denn die nicht-sozialistischen Richtungen der katholischen Mitte, der antisemitischen nationalen und nationalsozialistischen Rechten scheiden für den jungen Juden doch von vornherein aus. Will ') Es ist mir eine Ehrenpflicht, hier eines Menschen zu gedenken, dessen Persönlichkeit jahrelang den Kadimah beherrscht hat, indem er ihm Führer im wahrsten Sinne des Wortes war: des vor einem Jahre jungverstorbenen Walther Mecklenburg. Ihm verdanke ich nicht nur meine Notizen über den Kadimah, besonders die im vorstehenden Absatz mitgeteilten Ansichten, die seine ureigensten Gedanken waren. Ihm verdanke ich fruchtbarste Bereicherung in der Erkenntnis unserer gegenwärtigen jüdischen Situation.