Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- II (5692) 1931/32
- Issue
- Heft 11-12 (August 1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- Seite 374 (sequence 56)
- Belongs to
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374 Bernheim: Es ging mir gerade eben durch den Kopf. Woher haben Sie das alles? Alfred: Ich möchte glauben, daß das alles völlig klar aus dem Bericht der Schrift hervorgeht. Sie ist meine einzige {Quelle, mehr weiß ich leider noch nicht. Bernheim: Seltsam. Was das doch ausmacht, die Dinge in ־reiferen Jahren und mit jungen Augen zum ersten Male zu sehen. — Alles, was Sie sagen, ist richtig. Alfred: Und dann kam die — Katastrophe. Bernheim: Nun bin ich zu hören begierig, wie Sie das weitere gehen. Alfred: Herr Doktor, ich muß vorausschicken, daß ich das Galuth der Völker früher erlebte als das jüdische Galuth, das allgemeine Menschenleid früher als das besondere jüdische. Ich glaube, daß es Theodor HerzI, ohne mich mit einem so großen Mann irgendwie zu vergleichen, umgekehrt ging. Er erlebte das Judenleid vor dem Völkerleid. Ob er dieses überhaupt erlebt hat, weiß ich nicht. Vielleicht später, zu spät, als er sich überall am unrichtigen Menschenrecht stieß und erfahren mußte, daß die ganze Erde von ihm annektiert ist. So ersehnte er für sein Volk das vermeintliche Glück der — Völker. Mir ist es, wie gesagt, anders gegangen. Ich erlebte das geschichtliche Leben der Völker als einen Irrweg, überströmt von Blut und Tränen, im Kreise führend und nicht vorwärts, nicht aufwärts. Mit der ganzen Sehnsucht der Seele spähte ich nach einen! anderen Weg und fand den Weg — meines Volkes. Auch ihn kennzeichnen, Galuthweg, Blut und Tränen. Aber Blut, von den Völkern vergossen; Tränen, von den Völkern erpreßt. Bernheim: Ach Roden, lieber Junge — Alfred: Ich fand diesen Weg in der Schrift. Dort ist er geschildert; geweissagt mit einer Deutlichkeit, die ihresgleichen nicht kennt. Einsam, von niemand sonst begangen, führt dieser Weg durch die Mitte aller Völker, kreuzt den Irrweg aller Völker, läßt alle Völker hinter sich zurück. Generation auf Generation sinkt während der Wanderung links und rechts vom Wege hin, schlummert den Todesschlaf in der starrenden Völkerwüste, konnte das Ziel nicht schauen, dem all ihr Trachten galt: die Nation wandert weiter. Siech wird die Seele vieler in der Länge der Wanderschaft, daß sie verzagen und murren, daß sie den Lockungen der Völker verfallen und, links und rechts vom Wege, noch lebend in ihrer Sünde verwesen: