Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- II (5692) 1931/32
- Issue
- Heft 11-12 (August 1932)
- Date
- 1932-08-01
- Page
- Seite 330 (sequence 12)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2551369-2551378-2551386--0830-2552329- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
330 Wenn unsere Feinde von einer zersetzenden Wirkung des jüdischen Geistes reden, dann müßten sie doch vor allen Dingen diesen jüdischen Geist richtig kennen. Kennen sie ihn? Nein! Warum nicht? weil sie sich erstens keine Mühe nehmen, ihn an der richtigen Quelle kennen zu lernen und zweitens weil auch dann, wenn sie sich diese Mühe nähmen, die Möglichkeit, den jüdischen Geist richtig kennen zu lernen, eine sehr begrenzte ist. Nichtjüdischen Kreisen einen klaren Begriff vom Judentum zu verschaffen, ist eine so dankenswerte, aber auch so schwierige Aufgabe, daß nur Jemand, der wirklich beides, die Seele des Nichtjuden und das Wesen der Judentums, gründlich kennt und über die nötige Darstellungskraft verfügt,;um das jüdische Wesen in die nichtjüdische Seele hineinzuprojizieren, an der Lösung dieser Aufgabe sich versueben sollte. Daß es einen solchen Darsteiler des Judentums nicht gibt, vielleicht nicht geben kann, das war und ist unser Unglück. Denn dieses mangelhafte gegenseitige Sichverstehen ist m. E. der tiefste Grund des Judenhasses, unter dem wir seit Menschengedenken zu leiden haben. Und was das schlimmste ist: Es ist dagegen nicht viel zu machen. Stehen sich ja auch sonst einander nahe Menschen in vielen Dingen wie Fremde gegenüber. Auf der ganzen Erde gibt es kaum zwei Menschen, die sich gegenseitig restlos verstehen. Auch unserm intimsten Freunden gegenüber halten wir immer etwas zurück. Nicht einmal Ehegenossen schauen sich einander seelisch ganz auf den Grund. Wie viele, die ein ganzes Menschenalter miteinander verbunden waren, entdecken plötzlich, sie wissen selbst nicht wie, in der Seele des andern eine geheime Furche, die ihnen jahrzehntelang verschleiert war: überrascht, erschreckt schauen sie einander an, und es ist ihnen, als ob sie erst jetzt Bekanntschaft schlössen. Dem deutschen Christen fällt es oft so schwer, den deutschen Christen restlos zu verstehen. Was sollte er vom deutschen Judentum wissen? Hüten wir uns darum, uns einzubilden, daß es jemals gelingen kann, das Wesen des jüdischen Geistes, die Art des jüdisehen Denkens und Fuhlens, die jüdische Mentalität und Geistigkeit unserer nichtjüdischen Mitbürgern restlos zu offenbaren. Denn jüdischer Geist ist Thorageist. Was wissen aber unsere nichtjüdischen Mitbürger von der Thora? Was können sie von ihr wissen? Charakteristisch ist das Erstaunen, wenn hier und da einmal aus nichtjüdischen Kreisen der