Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- II (5692) 1931/32
- Issue
- Heft 9-10 (Juni 1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- Seite 312 (sequence 58)
- Belongs to
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312 Alfred: Die geschichtliche Sphäre der jüdischen Nation ist ihre Treue zur Thora. Das ist es, was ich, in all meiner Unwissenheit, mit jeder Faser meines Wesens spüre. Bernheim: Sie haben recht. Sie haben vollkommen recht. Treue ^ur Thora ist die Forderung an uns alle, die wir Juden sind. Soll ich es aber meine Gemeinde entgelten lassen, daß in ihr so viele sind, die dieser Forderung nicht entsprechen? Soll ich darauf verzichten, gerade ihnen gegenüber die Forderung immer wieder zu erheben, für die Forderung zu werben, die Gemüter für sie zu gewinnen? Soll ich1 das? Muß ich das;? Alfred: Es stünde mir schlecht an, auf solche Fragen eine Antwort zu geben, die sich doch nur auf die Gesetze der Thora gründen müßte. Ganz gewiß werden Sie Ihre Stellung zu verantworten verstehen. Allein mir will scheinen, daß Ihre Fragen!nicht das betreffen, was ich vorhin andeutete. Wenn Treue zur Thora die geschichtliche Sphäre der jüdischen Nation ist, so möchte ich in der Tat glauben, daß unsere Gemeinde sich außerhalb dieser Sphäre befindet. Bernheim: Aber doch nicht mehr außerhalb, als jeder einzelne Jude, der sich den Gesetzen der Thora entfremdet hat. Alfred: Der einzelne Jude ist, wie jeder einzelne Mensch, geschichtlich gesehen, nur ein Atom; ist wirklich nicht mehr, wie ein Blatt am Baum, wie eine Welle des Meeres. Bernheim: So ähnlich heißt es bei Homer. Alfred: Das geschichtliche Leben der Menschen ist Gemeinschaftsieben. Die Gemeinschaft, nicht der Einzelne, ist das geschichtlich Dauernde. Die Gemeinschaft ist vor dem Einzelnen da und ist nach dem Einzelnen da. Die Untreue der Gemeinschaft greift unmittelbar an die geschichtliche Sphäre der Nation. Bernheim: Besteht nicht die Gemeinschaft aus lauter Ein- Zeinen? Alfred: •Ist die Gemeinschaft, geschichtlich gesehen, nur die Summe der Einzelnen? Hat nicht die Gemeinschaft, geschiehlieh gesehen, ihr eigenes Schicksal, ihr eigenes Leben, das auf den Einzelnen erst zurückwirkt, insofern er eben Teil der Gem'einsdiaft ist? Die Geschichte hat es nun einmal nur mit Nationen zu tun. Nur Nationen besitzen die geschichtliche Handlungsfähigkeit. Ist das nicht richtig? Bernheim: Ich bin der letzte, es zu bestreiten. Mein ganzes Sehnen geht dahin, der jüdischen Nation die geschichtliche