Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- II (5692) 1931/32
- Issue
- Heft 9-10 (Juni 1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- Seite 271 (sequence 17)
- Belongs to
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271 sie es auch von ihrer eigenen Warte herab beurteilen und, wenn nötig, ausschalten? Gegenüber der unzähligen Menge von Bedürfnissen, die unsere Zivilisation dem Menschen aufdrängt, hat nicht eine Religion ihre eigene Tafel der Bedürfnisse Wervorzurücken? > Nathan Birnbaum hat im neuesten Hefte des ״Aufstiegs“ (Aprilheft 1932, S. 245) zur Gesundung des religiösen Menschen das Ziel der Verländlichung, d. h. der Rückführung bedeutender Teile ■der Judenheit zur Landwirtschaft, aufgestellt. Wir lassen beiseite die Frage von der sozialen Durchführbarkeit solch eines Planes innerhalb des Kapitalismus. Aber dieser Gedanke erwächst aus der religiösen Revolte gegen die unmenschliche Lebensart des heutigen Juden. Diese Revolte ist nicht die einzig mögliche in bezug auf die zentralisierte, markschreierische, machtlüsterne Zivilisation. Hier soll nur an den großen Propheten erinnert werden, der mit solcher Sachkenntnis und solcher Bitternis die übersteigerte Putz- und Schmucksucht der israelitischen Frauen verspottete. Gegen die technisehen lärmenden Errungenschaften der jeweiligen Epochen traten jedesmal die religiösen Männer auf, im Namen der unvergänglichen Güter der Natur und des Geistes. Dem רעש ואש stellen sie!die קול דממה דקה gegenüber: die Reinheit, die Einfachheit, die Ganzheit des Menschen. Hat nicht auch die jüdische Religion eine Mission, dem wilden Gewühl dieser Zeit mit dem Beispiel und dem Ruf nach פשטות und תמימות entgegenzutreten? Soll nicht diese Zivilisation jedenfalls ein Problem der Religion werden? * * * Hier waren drei Problemgebiete angeführt, um zu zeigen, wie weit abseits vom Leben unserer Zeit die Religion steht. Diese Beispiele genügen. Es ist kein Zufall, wenn Religion und Volksleben sich unter diesen Umständen voneinander abschließen. Aber soll die jüdische Religion nur der heilige Name, nur Kultus ,und nur Zedoko bleiben? Soll man ganz außer acht lassen, daß es in der jüdischen Religion nicht nur auf den קדוש ankommt, sondern ,auch auf das קדושים תהיו, d. h. auf die lebendige Menschengemeinschaft? Was ,ist Kultus!, wenn er nicht mit einer lebendigen religiösen Volkskultur verflochten ist? Und was ist Zedoko, wenn sie — trotz individueller Güte — das sündhafte soziale und sittliche Unrecht in Volk und Menschheit bestehen läßt?