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Nahalat tsevi · 1932-06-01 · Heft 9-10 (Juni 1932) · p. Seite 269

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nahalat tsevi
Volume
II (5692) 1931/32
Issue
Heft 9-10 (Juni 1932)
Date
1932-06-01
Page
Seite 269 (sequence 15)
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260 Materie vom Geiste getrennt hat, nicht verstanden hat, den sozial-materiellen Kampf zu durchgeistigen. Zeigt die jüdische Religion heutzutage einen Weg im sozialen Wirrwarr unserer Zeit? Jawohl, einen Weg, und diesen in sehr großzügiger Weise, zeigt sie: den Weg der צדקה. Das jüdische Volk hat ein gewaltiges, man könnte sagen «staatsähnliches System der צדקה ausgebaut. In dieser צדקה!ist ein!seelisches Element enthalten, das den sozialen Anstalten des heutigen Staates in großem Maße fehlt: die Möglichkeit von individuellen, menschlich-intimen Beziehungen zwischen dem Gebenden und dem Nehmenden. Aber dieses .^^-System enthält in sich prinzipiell nichts Umwälzendes für die jeweilige soziale Ordnung. Man darf sagen: dieses System veredelt, stützt, konserviert eine alte soziale Ordnung, auch den Kapitalismus. Rabbiner Breuer schrieb in seiner schon angeführten Arbeit: ״Wir Juden sind stolz auf unsere alttestamentarische Zedoko, die wir nicht als Almosen, sondern als Gerechtigkeit empfinden“. Aber Zedoko war und bleibt immer nur ausgleichende, keine umgestaltende Gerechtigkeit. Eine neue soziale Gjemeinschaft, ein ״Gottesreich auf Erden“ kann aus diesem Geiste allein kaum entstehen. Aber die Menschheit und die Judenheit sehnen sich heutzutage nach einer anders gearteten sozialen Welt. Kann die jüdische Religion aus sich heraus dazu eine Stellung nehmen? ,Hat sie, zum Beispiel, eine Stellung zum Problem des Privateigentums? Rabbiner Breuer sagt: ״Das Judentum macht die besitzesfeindlichen Tendenzen des Christentums nicht mit“. Man könnte aber mittels einer Analyse und insbesondere einer Einfühlung in die jüdische Lehre eine ganz andere Einstellung zum sozialen Grundproblem ableiten. Wir brauchen nur an jenen Geist zu erinnern, der in den biblischen Agrar- und Skiavengesetzen weht. Gewiß, auch diese Gesetze enthalten an und für sich noch keine sozial revolutionäre Wirkung, und sie Jießen sich in ihrem konkreten historischen Gehalt wohl auch nicht auf unsere moderne sozialistische Epoche übertragen, aber es kommt darauf ,an, den Geist dieser Gesetzgebung zu erkennen, der immer bereit ist, soziale Umwäl- Zungen vorzunehmen, der keine Ehrfurcht hat vor menschljichen Besitzesverhältnissen (]כי לי כל הארי), der die materiellen Güter den ethisch-religiösen unterordnet. Jene Gesetze sind der Ausdruck eines überzeitlichen sozial-ethischen Geistes,

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