Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- II (5692) 1931/32
- Issue
- Heft 9-10 (Juni 1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- Seite 266 (sequence 12)
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266 historischen Leben der Menschen getrennt ist? Ist es nicht gerade in der jüdischen Vorstellung so, daß die Ewigkeit eben in der ״Zeitlichkeit“, in dem realen historischen Lebensablauf der Menschheit und der Judenheit zum Ausdruck kommt? Der Ewigkeitswert religiöser Maximen besteht darin, diaß sie etwas aussprechen und fordern, das — bei aller überhistorischen und absoluten ,Geltung — doch für jede historische Zeit und jede menschliche Generation ganz konkret realisierbar sein kann und muß. Maximalistisch im Inhalt, unversöhnlich in der Methode, tritt eine religiöse Ideenwelt an das dürftige, kompromißvolle, minimalistische Menschenleben heran, um es mit ihrem glühenden Atem zu durchdringen. Der Prophet Jesaia hat in unvergleichlichen Worten das Zukunftsideal der Menschheit geschildert, aber die Ewigkeitsworte seiner Prophetie standen mit der historischen Zeit seiner Generation in Verbindung und wandten sich auch an die Zeit und die Menschen seiner 1Epoche. Ebenso müßte der הר סיני für die jüdische Religjionsgemeinschaft nicht inur in der heiligen Vergangenheit allein, in der einzigen Ortschaft allein bestehen; solch eine Chtonologische und geographische Begrenztheit widerspräche dem absoluten Charakter des auf dem הר סיני Verkündeten. Denn מלא בל הארץ כבודו und מלא כל הימים כבודו. Das würde heißen: בכל דור ודוד חייב אדם לראות עת עצמו כאלו הוא עומד לפני הר סיני. Das würde bedeuten: in allen Generationen stehe das jüdische Volk gleichsam immer wieder vor dem Berge Sinai, um die Verkündüng und die Verpflichtung von neuem׳ entgegenzunehmen, um das נעשה ונשמע zu proklamieren. Der jüdische religiöse Mensch würde dann die Ewigkeitsstimme :nicht nur als ewige Stimme vernehmen, sondern als einen Ruf zum konkreten historischen Tun, das von allen Klängen und Farben, Leiden und Freuden unserer Zeit durchströmt sein muß. IJ. Die kritische Zeit, die das jüdische Volk jetzt durchlebt, ist eine Epoche, die nicht inur für den Menschen, sondern auch für eine Religion schicksalsbestimmend werden kann. Hat die jüdisChe Religion in dieser Zeit die lebendige Kraft aufgebracht, um auf die von allen Seiten einstürmenden Fragen eine Antwort mit eigenen Worten zu geben? Es würde genügen, drei Problemgebiete aus dem Komplex unserer Zeit heraiuszugreifen.