Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- II (5692) 1931/32
- Issue
- Heft 9-10 (Juni 1932)
- Date
- 1932-06-01
- Page
- Seite 265 (sequence 11)
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265 ander. An Stelle des streitbaren אפיקורוס trat der ruhige, selbstzufriedene עם הארץ. Nun ist es aber bezeichnend, daß grade in unserer Zeit sich ein ,erneuter und sich immer wieder erneuernder Zug nach Religiosität zeigt. Er zeigt sich auch in den freidenkerischen, radikalen und sozialistischen Kreisen. Der Weltkrieg, die während 'und nach ihm eingebrochene Zerrüttung der Sitten und Ideen, die zusammengebrochenen Freiheitsbewegungen, die Brutalität und Verlogenheit der sich zurzeit festsetzenden ״Ordnjungen“ 1— all das hat die früheren Ideologien erschüttert. Demokratie und Menschenrechte, Völkerfrieden und Sozialismus!scheinen bald hohle Worte zu sein. Diese furchtbaren Rückschläge der fast messianischen Hoffnungen führen — bei den aktiven Naturen — dazu, daß sie sich ׳wieder auf die Ausgangs- und Zielpunkte der neuen Bewegungen besinnen müssen. Die mechanistische Betrachtungsweise menschlicher Schicksale und der Weltgeschichte hat sie ja nicht vorwärts gebracht. Die rein materialistische und wirtschaftliche Begründüng der sozialen Bewegung hat sie grundsätzlich nicht aus dem Rahmen des Ausbeutungssystems des Kapitalismus gehoben. Die prinzipielle Ablehnung ethischer Grundlagen, die Konzentration auf ausschließlich ״diesseitige“ Ziele und Aufgaben haben die Bewegungen nicht vor Zersplitterung, gegenseitiger Verfeindung, innerlicher Verödung bewahrt. Es ist darum kein Zufall, daß man sich auch in diesen Bewegungen nach einem ethischen, metaphysischen, religiösen Halt sehnt. Es entstehen z. B. Versuche eines religiösen Sozialismus. Aber gerade im jüdischen Volke, das den Zusammenbruch großer Weltideale immer hundertfach schärfer erleidet, ist von dieser neuen Wendung wenig zu spüren. Eine Wendung zu der jüdisehen Religion — am allerwenigsten. Wie ist das zu verstehen bei einer Religion, die das jüdisehe Volk immer als eine תורת חיים aufgefaßt hat? Liegt nicht die Erklärung darin, daß die jüdische Religion eben aufgehört hat, im Leben zu stehen, daß sie sich der Zeit entfremdet hat? Wir wollen richtig verstanden werden. Wir meinen nicht, daß eine religiöse Weltanschauung aus dem Zeitgemäßen allein ihre Inhalte schöpft und formt. Eine religiöse Ideenwelt will zeitlos und in aller Ewigkeit über den zeitgebundenen Nöten, Wünschen und Zielen des Menschengeschlechts bestehen. Aber heißt das, daß diese Ewigkeit grundsätzlich Von dem konkreten