Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- II (5692) 1931/32
- Issue
- Heft 7-8 (April 1932)
- Date
- 1932-04-01
- Page
- Seite 246 (sequence 57)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2551369-2551378-2551384--0736-2552233- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
246 jüdische Phänomen begreift und in sich selber, dem urwücfr» sig Lebendigen, jeden Augenblick erfaßt, daß nicht ״Zähig^ keit“, nicht ״Patriotismus“, nicht ״Chauvinismus“, überhaupt keine Kausalität, sondern Hinausgehobensein in die Sphäre der Metageschichte, bewußtes Leben des göttlich geweissagten .Wunders, schöpferische Selbstgestaltung zum geschichtlichen Wunder, unmittelbar selbstgewisse Erfahrung Gottes in diesem alltäglich gelebten geschichtlichen Wunder, das Wesen des bdwußten ijudeseins ausmacht. — Wie muß es in der Seele eines solchen ״bewußten Juden“ aussehn,!denkt Alfred Roden, und tiefe Sehnsucht erfüllt ihn, selber!ein ״bewußter Jude“ zu werden, Jude, der nicht der Moderkammer der Geschichte anheimgefallen, Jude, der nicht nür Objekt des göttlichen GeschiChtswunders, sondern Jude, der dieses Geschichtswunder Gottes bewußt lebt und daher stündlich Gott erlebt, Jude, der schöpferisch1 Teil hat an Gottes Geschichtswunder und den jeder geschichtlichen Erfahrung Hohn sprechenden sühnenden Weg vom Gottesland zum Gottesfand in!metageschichtlicher Einsamkeit inmitten der Völker wandelt. —! Erlebnis? Gewiß Erlebnis. Jedes Wunder ist ein Erlebnis. Auch das geschichtliche Wunder der jüdischen Nation in all seiner metageschichtlichen Geweissagtheit ist ein Erlebnis. Aber dieses Erlebnis vollzieht sich nicht von Innen nach Außen, sondern von Außen nach Innen. Die metahistorische jüdische Nation und ihre Geweissagtheit sind nicht Ausgeburten eines exaltierten, Verstand und Vernunft lahm legenden Gemüts. Auch für!Verstand und Vernunft sind sie da. Auch Verstand und Vernunft tritt an sie heran, ganz wie der ״Erlebende“. Aber Ver> stand und Vernunft ״erlebt“ sie nicht, sondern — ״erstirbt“ sie. Verstand und Vernunft ״erwundert“ sie nicht, sondern ״wundert sich“ nur: ״Ich will doch hingehn und dieses große Gesicht sehn. Warum wird der Dornbusch1 nicht verzehrt?“ In diesem ״Warum“ liegt alles. Verstand und Vernunft muß Unbekanntes auf Bekanntes, Nochniedagewesenes auf Erfahrenes zurückführen, um sich nicht mehr ״Wundern“ zu brauchen. Das ,Bekannte, das Erfahrene, das scheinbar immer Wiederkehrende: das sind die Kausalgesetze der unlebendigen Materie, die Anatomie des geschichtlich Gewesenen, des geschichtlich Verwesenen. Die lebendigen Kräfte, die den Dornbusch vor der Flammenvernichtung bewahren, ihn aus der jederzeit er-