Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- II (5692) 1931/32
- Issue
- Heft 5-6 (März 1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 148 (sequence 10)
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145 alten Tage noch einmal umzulernen. Aber seine Schwiegertochter, die sich fluchend aufbäumt am Sarge ihres Kindes gegen ihr grausames Schicksal, sie fliegt dem Marxismus jubelnd an den Hals. Bei ihm findet sie, was sie beim Christentum vermißt: ein diesseitiges Himmelreich, frohe Lebensbejahung, ingrimmigen Wagemut und trotziges Heldentum. IV Nun sind wir an dem Punkt angelangt, wo wir uns die Frage vorlegen können, ob denn diese marxistische Weltanschauung der jüdisenen Weltanschauung so entspricht, daß man berechtigt!ist, vom jüdischen Marxismus zu sprechen. Diese Frage!ist unbedingt zu verneinen. Vor allen Dingen würde das Judentum den alten Hilse seinen Jenseitsglauben nicht wegnehmen, und zwar nicht bloß deshalb, weil der Glaube an eine jenseitige Welt das Fundament der jüdisehen Dogmatik ist, sondern auch auf Grund der nüchternen Erwägung, daß eine Spekulation auf ein diesseitiges Paradies viel gewagter ist als die Spekulation auf das Jenseits. Das Judentum kann sich viel eher vorstellen, daß Gott ohne die Menschen das Paradies bereitet, als das die Menschen es jemals ohne Gott herbeizuführen vermöchten. Unjüdisch durch und durch ist ferner die einseitige materialistische GeschichtsbetraChtung des Marxismus. Unjüdisch ist’s, den wirtschaftlichen Phänomenen eine Eigengesetzlichkeit zuzusprechen, durch die der Gang der Geschichte und die Bildung der Ideenwelten erst erklärt werden!müßten. Unjüdisch!ist’s, die Arbeit als die einzige Quelle!menschlicher Wertschaffung zu erklären. Unjüdisch ist es, die ökonomische Bedingtheit des menschlichen Lebens zum Ausgangspunkt aller soziologischen und historischen Betrachtung zu nehmen. Dieser kühne und gewaltsame Sprung in die Realität entsprach dem Geiste einer Zeit, die von Religion und Glaube nichts mehr wissen wollte, und er kam den ungläubigen Instinkten der Masse so gelegen, daß er auch für weite jüdische Kreise von durchschlagender Ueberzeugungskraft werden konnte. Allein das Judentum als geschichtliche Erscheinung macht diesen Sprung in die Realität nicht mit. Das Judentum lehrt in schroffstem Gegensätze zum Marxismus: Nicht vom Brote allein lebt der Mensch. Es ist nicht wahr, daß die Menschengeschichte nichts anderes als Wirtschaftsgeschichte ist. Es ist nicht wahr, daß Staat und