Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- II (5692) 1931/32
- Issue
- Heft 3 (Januar 1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 27)
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89 ten, dem Judentum als Religion mit großer Gleichgiltigkeit gegenüberstand. Die überwiegende Mehrheit hatte längst, innerlich vor allem, die Formel des Antisemitismus akzeptiert, wonach es sich beim Judentum wesentlich nicht um eine Religion, sondern um eine Rasse handle. Man vermied gern das Wort Rasse, wie man auch, erst recht, sofern man nicht zum Zionismus sich hingezogen fühlte, das Wort von der jüdischen Nation nicht gebrauchte. Dagegen hatte man sich fast einheilig auf den jüdischen Stamm geeinigt, worunter man, ohne sich in wissenschaftliche Klärung einzulassen, einfach verstand, daß eben die Juden ein besonderer Menschenschlag seien, über dessen Wert man, namentlich wenn man ganz unter sich war, recht kritisch, um nicht zu sagen: skeptisch dachte, den man aber mit großer Empfindlichkeit von Außenstehenden nicht angetastet oder gar verunglimpft wissen wollte. Das Bewußtsein, unter Druck und Kontrolle des Antisemitismus zu stehen, war allenthalben ungemein stark entwickelt, reichte aber keineswegs aus, um eine wirklich tatkräftige Abwehrbewegung zu entfachen. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens mußte immer wieder bittere Klage darüber führen, daß das Interesse an seiner Arbeit gering, ihre materielle Unterstützung durchaus ungenügend sei. Dabei konnte es keinem Einsichtigen entgehen, daß der Antisemitismus in der Nachkriegszeit einen mächtigen Aufschwung genommen hatte und daß die Lage der deutschen Juden durchaus nicht gefahrlos war. Diese Indolenz der Mehrheit der deutschen Juden stand ohne Zweifel in unmittelbarem Zusammenl ang mit Ihrer Gleichgiltigkeit gegenüber den geistigen Problemen des Judentums. Schweren Wirtschaftssorgen hingegeben, trug sie ihr Judesein w׳ie ein unabwendbares Schicksal, über dessen Sinn nachzudenken ihr zwecklos schien. Nur eine verhältnismäßig dünne Schicht der deutschen Juden brachte dem Judentum als historischer Erscheinung ein wirklich lebendiges Verständnis entgegen. Gerade diese dünne Schicht aber, der Zahl nach durchaus gering, verteilte sich auf die verschiedensten Organisationen, deren Buntheit die geistige Zerrissenheit höchst anschaulich zur Darstellung brachte. ' ‘ ' I Es gab zunächst die jüdischen Gemeinden. Der überwältigenden Mehrheit nach waren es Einheitsgemeinden. Darunter verstand man Gemeinden, die grundsätzlich alle Juden eines