Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- II (5692) 1931/32
- Issue
- Heft 3 (Januar 1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 7)
- Belongs to
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69 Der einfache Mann im Volke hatte niemals die Zeit und die Gabe, die sogenannte Polyphonie der Austrittshalachah kritisch zu würdigen. Er sah und verstand nur eines: Es gibt eine Möglichkeit des Ausgleiches mit dem Abfall des Liberalismus. Also, folgerte er in der Schlichtheit seines Gemütes, kann dieser Abfall des Liberalismus so schlimm nicht sein; es gibt halt im Judentum verschiedene Richtungen, Ansichten, ״Minhogim.“ Auch die liberale Form des Judeseins ist relativ existenzberechtigt. Wie kämen denn sonst fromme Rabbiner dazu, in der einen und derselben Gemeinde mit liberalen Rabbinern die Ehren und Würden des Gemeinderabbinats zu teilen? Es ist alles halb so schlimm. Orthodox und liberal, sie gelten beide gleich. Aus diesem Glauben des einfachen Mannes im Volke an die gleiche Gültigkeit von Orthodox und Liberal ist jene — Gleichgültigkeit hervorgegangen, die der Aufruf der Rabbiner so tief beklagt. Wir aber fragen zum Jahrzeitstag des 27. Tebeth: Wär’s nicht endlich an der Zeit, die Kluft in unseren eigenen Reihen zu schließen? Einst rief Hirsch seinem Gegner zu: ״.... Geben Sie Gott und der Wahrheit die Ehre und sprechen Sie offen, einfach und unverklausuliert das große, den Mann und Mensehen und Jehudi ehrende Wort aus: ich habe mich geirrt, ״! דברים שאמרתי טעות הם בידי Seitdem sind 55 Jahre vergangen, in denen jener Irrtum Zeit gehabt, immer tiefer und tiefer in den Gemütern sich festzusetzen. Wär’s nicht endlich an der Zeit, daß die heutigen Führer der Gemeindeorthodoxie offen bekennen würden, was sie selber längst eingesehen haben, worauf in der Hauptsache die ״laxere Auffassung“ des Publikums in allen jüdischen Dingen zurückzuführen ist? Vor 55 Jahren kam es nur selten vor, daß religionsgesetzlich verbötene Ehen geschlossen, Chälizah und religiöse Scheidung unterlassen wurden. Vor 55 Jahren war’s noch eine Seltenheit, daß Ehen mit Proselyten geschlossen wurden, die nur äußerlich und unter Außerachtlassung der vorgeschriebenen Formen zum Judentum übergetreten waren, wie auch damals die Mischehen, die die Erhaltung der jüdischen Gemeinschaft von innen heraus bedrohen, eine Seltenheit waren. Heute geben auch die Führer der Gemeindeorthodoxie zu, daß diese Zersetzungs- und Verfallserscheinungen ״nichts Seltenes mehr“ sind, und sie verkünden, daß sie ״die Vollziehung dieser Akte durch solche Rabbiner nicht anerkennen“ können.