Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- II (5692) 1931/32
- Issue
- Heft 1-2 (November 1931)
- Date
- 1931-11-01
- Page
- Seite 51 (sequence 55)
- Belongs to
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bar teilhaben. Es Ist schon viel, wenn das Erlebnis Verstand und Vernunft zu zeitweiligem Verstummen bringt. — Alfred: Ist Ihnen die Thora nicht befehlerisch? Hurtig: Was meinen Sie damit? Alfred: Ich habe mir einmal sagen lassen, daß die Thora den alten Juden einfach das von Gott diktierte geltende Gesetz der jüdischen Nation war. Ist das nicht das genaue Gegen* teil eines persönlichen Erlebnisses? Hurtig: Die Vorschriften der Thora binden. Das ist selbstverständlich. Aber wenn mir jemand sagen würde, daß die Thora ihrem Wesen nach das Gesetz der jüdischen Nation sei, so müßte ich darin eine unglaubliche Degradation der Thora, eine Veräußerlichung des ganzen Judentums erblicken. Die Ansicht ist ja gelegentlich von separatistischer Seite geltend gemacht worden. Man macht damit aus der Thora quasi ein juristisches System undaus dem Judentum eine — Juristerei. Nur ein kalter Kopf, bar jeder echten Religiosität, kann die Konstruktion der Thora als einer Art von bürgerlichem Gesetzbuch ersonnen haben. Befehlerisch? Was wäre die Thora ohne religiöse Inbrunst! Alfred: Und die alten Juden? Hurtig: Den alten Juden war die Thora alles in allem. Sie war ihnen Gesetz, Moral, Philosophie, Religion, Kunst, Wissenschaft, kurz: alles. Jene Konstruktion aber besagt etwas ganz anderes. Sie ist eine Ausflucht schlimmster Art. Sie legt an die Thora den Maßstab des Rechts an, um über die Wider- Sprüche des modernen Innenlebens auf leichte Weise hinwegzukommen. Es ist in der Tat die Eigenschaft des modernen Rechts, daß es von der persönlichen Ueberzeugung des einzelnen Rechtsgenossen völlig abstrahiert. Fragt etwa das deutsehe Recht danach, ob der Bürger es billigt oder mißbilligt? Es verlangt den bedingungslosen Gehorsam der Tat und begnügt sich freilich auch mit diesem rein äußerlichen Gehörsam. Ist nun die Thora gleichfalls ein Recht, so ist man aus allen seelischen Konflikten schön heraus. Man kann mit dem Verstand der Wissenschaft, mit dem Gefühl der Kunst, mit der Vernunft der Philosophie huldigen: wenn man nur mit Hand und Fuß die Handlungen der Thora vollzieht, so ist alles in Ordnung. Alfred: Das ist doch abscheulich! Hurtig: Das finde ich auch. Es ist das genaue Gegenteil des