Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 11-12 (September 1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- Seite 411 (sequence 63)
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41t Raphael Hirsch viel beschäftigt. Er wollte wirklich, wie Sie vorhin sagten, die Thora zum allbeherrschenden Prinzip des Judeseins machen. Er hat hierbei vor der Gemeinde so wenig Scheu empfunden, wie vor der Wissenschaft. Wo er die Thora nicht maßgebend fand, ist er eben ausgetreten. Wir aber sind ihm in dem einen so wenig gefolgt, wie in dem anderen. Ich glaube: mit Recht. Auch der jüdische Mensch ist nun einmal kein Engel. Für mich ist die Thora göttlich, gewiß. Aber sind Verstand und Vernunft nicht auch göttlich? Darf ich die Augen vor!dem verschließen, was Verstand und Vernunft mich mit unabweisbarer Eindringlichkeit lehren? Für mich als thoratreuen Juden liegen eben zwei Quellen göttlicher Offenbarung vor: Verstand und Vernunft einerseits, die Thora andererseits. Grundsätzlich dürften sich natürlich die Erkenntnisse, die ich aus diesen beiden Quellen schöpfe, nicht widersprechen, denn sie sind ja beide göttlich. Wenn sie sich aber für meine Urteilskraft dennoch widersprechen, so ist eben das Problem da. Es hat keinen Sinn, das Vorhandensein eines solchen Problems einfach zu leugnen. Das mag bequem sein. Ob es auch wahrhaftig ist, möchte ich immerhin bezweifeln. Jede Problematik birgt aber eine gewisse Zwiespältigkeit in sich. Damit muß man sich abfinden und muß der Zukunft vertrauen, der Macht der Wahrheit. — Verstehen Sie mich? Alfred: Ich glaube wohl. Ich möchte sagen: Wenn Sie Ihren Verstand tolerieren, müssen Sie auch Herrn Grün tolerieren. ’ Hurtig: Das ist etwas spitz ausgedrückt, aber nicht unzutreffend. Nicht nur die Thora sagt mir, was die jüdische Nation ist, sondern auch mein Verstand, meine Vernunft, nicht zuletzt mein Gefühl. Denn auch das Gefühl ist eine Quelle der Erkenntnis. Heimelt mich Herr Grün nicht an, auch wenn er noch so thora widrig lebt? Grün: Sehr verbunden. Hurtig: Keine Ursache. Und wenn die vierte Generation thoraentfremdeter Juden immer noch die fünfte der Beschneidüng unterzieht, immer noch im Zweifel lieber jüdisch heiratet, von Christen jeder Nationalität immer noch als jüdisch empfunden wird: sind das nicht alles die tausendfältigen Stirnmen der Natur, die für die jüdische Nation zeugen, den Verstand, der Vernunft, dem Gefühl hörbar, auch wenn die Thora sich ihnen verschließt?