Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 8 (Juni 1931)
- Date
- 1931-06-01
- Page
- Seite 277 (sequence 29)
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277 Hurtig: Sie halten wohl am Ende die Juden überhaupt für keine Nation? Alfred: Nation wie die deutsche? Wie die englische? Hurtig: Die jüdische Nation ist in der Tat .... Grün: Gestatten Sie, Herr Hurtig, daß ich Sie unterbreche. Aber vielleicht ist es besser, wenn zunächst ich meine Auffassung darlege, die Herrn Roden, der ja selbst nicht religiös ist, leichter einleuchten wird. — Sehen Sie, ich bin unter ganz ähnlichen Verhältnissen aufgewachsen, wie Sie. Ich hatte vom Judentum keine Ahnung, und namentlich die Gesetze der Thora waren mir völlig unbekannt. Wäre das Judentum eine Religion, so hätte man mich nicht als Juden bezeichnen können. In religiöser Hinsicht Wußte ich eben nur, daß ich kein — Christ bin. Ueber Gott machte ich mir überhaupt keine Gedanken. Meine Lebensführung!unterschied sich in nichts von der in Deutschland in meiner sozialen Schicht üblichen. Und dennoch hatte ich gegenüber den Deutschen stets das unbedingte Gefühl des Andersseins, auch wenn der Antisemitismus es mir nicht fortwährend vorgehalten hätte. Woran lag das? Ich habe darüber viel und lang gedacht. Meine Familie lebt seit Jahrhunderten in Deutschland, länger vielleicht, als manche Familien, die sich heute als Führer des Deutschtums gebärden. Ich habe mir einzureden versucht, daß das deutsche Volk aus mannigfachen Stämmen zusammengesetzt ist, daß die Unterschiede zwischen dem Bayer und dem Ostelbier mindestens so groß seien, wie die zwischen dem Bayer und dem deutschen Juden, daß also die deutschen Juden einen Stamm unter den übrigen deutschen Stämmen bildeten, mit dem gleichen Anspruch auf Duldung, Anerkennung, Gleichberechtigung, Einfühlung, Verständnis, ja Liebe, wie diese. Ich mußte aber immer wieder feststellen, daß es nicht einen einzigen aufrichtigen Deutsehen gibt, der d: se Auffassung teilt. Die Vergangenheit spricht wohl allzu stark dagegen. Wir waren ja immer nur Objekt der deutschen Geschichte und niemals Subjekt. Auch fehlte es uns immer an der festen Scholle, die wir zu einer deutsch-jüdischen hätten machen können. So blieb mir nur noch die Annahme übrig, daß wir, gleich den Zigeunern, abgesprengte Splitter der ewig rotierenden Menschengeschichte seien, die unter die Nationen geraten sind und ohne vernünftigen Daseinsgrund geduldig;abwarten müssen, bis wir von ihnen allmählich aufgesogen werden.