Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 7 (Mai 1931)
- Date
- 1931-05-01
- Page
- Seite 245 (sequence 31)
- Belongs to
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245 mehr!das!Recht, von einem anderen eine Lebensführung zu fordern, deren Verpflichtungsgrund doch nur im persönlichen Erlebnis des Fordernden liegt, das der andere regelmäßig gar nicht haben wird. Damit ist der berüchtigte Begriff des ״Poschea“ endgültig aufgehoben. Man kann niemand verurteilen, weil er ein Erlebnis nicht hat. Alfred: Das scheint mir vollkommen zutreffend zu sein. Seelenfreund: Nicht wahr? In der Tat werden Sie sich auch heute bei unseren Neu-Orthodoxen, wie ich sie einmal nennen möchte, vielfach eine Toleranz antreffen, die dem alten Judentum durchaus fremd war und fremd sein mußte. Eine objektive, befehlerische Religion kann ihrem ganzen Wesen nach nicht tolerant sein. Die meisten Neu-Orthodoxen nennen uns zwar immer noch, allerdings nur, wenn wir nicht dabei sind, Poschim, d. h. Sünder!oder sogar Frevler. Aber das ist gar nicht mehr so ibös gemeint, wenn es auch noch immer kränkend genug ist. Der beste Beweis dafür besteht in der modernen jüdischen Großgemeinde, in der die jesajanische Weissagung in Erfüllung gegangen ist, daß Wolf und Lamm friedlich nebeneinander lagern. — Sie lächeln? Es trifft wirklich zu. In meiner Gemeinde sind die Neu-Orthodoxen und die Liberalen zusammen. Es gibt eine Synagoge mit liberalem und eine Synagoge mit neuorthodoxem Ritus. Mit meinem neu-orthodoxen Amtsbruder komme ich recht gut aus. Anfangs ist es ihm ein wenig schwer gefallen, mich als Herr Kollege anzureden. Er hat sich aber ganz schön daran gewöhnt. Und seitdem geht es. Wenn z. B. der Gemeindevorstand in irgend einer mit der Religion sich berührenden Angelegenheit eine gutachtliche Aeußerung wünscht,!wendet er sich sowohl an meinen neu-orthodoxen Amtsbruder wie auch an mich, und seitdem mein Amtsbruder mich als Kollegen betrachtet, vermag ich mich mit ihm vorzüglich zu verständigen. Da er natürlich größere Bindungen hat als ich, komme ich ihm tunlichst entgegen. Alfred: Anerkennt er denn wirklich Ihre religiöse Richtung als!gleichberechtigt? Seelenfreund: Er wird das niemals mit ausdrücklichen Worten zugeben. Aber ich denke, die Taten sprechen doch deutlich [genug. Meinen Sie denn, die Alt-Orthodoxen hätten sich je so verhalten? Der letzte alt-orthodoxe Rabbiner meiner;Gemeinde hat sofort seine Stelle, ein Greis von über achtzig Jahren, niedergelegt und ist in Gram gestorben, als