Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 6 (April 1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- Seite 206 (sequence 28)
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206 Es ist nicht weiter verwunderlich, daß von zioniftifcher Seite bereits mit allen Mitteln der Verhetzung und dem Hinweis auf die ״Mittelalterlichkeit" der Orthodoxie, die Herrschaft des ״Klerikalismus" u. dgl. gearbeitet wird. Es ist auch erfreulicherweise eine Selbstverständlichkeit, daß nicht nur die polnifche organifierte Agudas Jisroel, sondern auch die ihr nicht angehörigen diaffidifchen Gruppen (Beiz, Bobow, Alexander) sich unter dem Namen ״Adaß Jisroel" zu einem offenen Wahlblock zusammengefchloffen haben. Bemerkenswert ist nur die Trabantenrolle, welche in diesem für das polnifche Judentum historifchen Momente dem Misrachi vom zionistifchen Hauptquartier zugewiesen wurde. Er hat wie die ״Jüdifche Rundfchau" Nr. 22 berichtet - ״die eminent wichtige Aufgabe, das religiöse Judentum möglichst dem Einflüsse der Aguda zu entziehen, zu erfüllen. Der Misrachi ist fich dieser Aufgabe bewußt, rüstet fchon energifch zu den bevorstehenden Wahlen, an denen er selbständig teilnimmt. Vom Ausgang diefes Kampfes innerhalb der Orthodoxie, der allerdings nicht in einer einzigen Schlacht durchgeführt werden kann, hängt sehr viel ab, sowohl für das polnifche Judentum als auch für den Zionismus. Es ist vom zionistifchen Standpunkt zu wünfchen, daß dem Misrachi die bevorstehende Offensive kräftig gelinge." Es kann selbstverständlich hier nur dann von seiten des Misrachi den Zionisten ein wertvoller Dienst geleistet werden, wenn der Misrachi dafür sorgt, daß auch Persönlichkeiten in die Gemeindeverwaltung hineingewählt werden, welche aus religiösen Gründen von seiten der Aguda oder der Adaß Jisroel abgelehnt werden. Damit zeigt deutlicher als je der Misrachi seine Bereitfchaft, auch außerhalb Erez Jisroels dem Liberalismus innerhalb der Gemeinden Vorfchub zu leisten. Man wird in Zukunft in der größten und stärksten Landes- Organisation der Agudas Jisroel Gelegenheit haben, fich von der Identifikation von Misrachi und Gemeindeorthodoxie — die bisher ab und zu bestritten wurde - zu überzeugen. ¥ * ★ Der Schatten. Auf einer großen Tagung des Reform- Judentums in Amerika, die von 1500 Delegierten aus allen Teilen der Vereinigten Staaten befchidct war, konnte berichtet werden, daß die Sammlung für den Stiftungsfonds des Hebrew Union College ein Gesamtergebnis von 4350000 Dollar hatte. Man sollte meinen, daß die Tagung einer Organisation von Menfchen, die über fo viel Geld verfügen, in gehobenster Stimmung verlief. Mitnichten. Durch alle Reden der Führer fchüch der stille Seufzer über die ״negative Einstellung zum Judentum“, die entweder zu völliger Losfagung von allem Jüdifchen oder zur Suche nach einer neuen Wahrheit führt. So ehrlich der Seufzer war, so unehrlich war der Troß, der ihn erfticken sollte: ״Wir teilen diese Einstellung auch mit unseren orthodoxen Brüdern, deren heutige Orthodoxie nur mehr ein Schatten von dem ist, was fie hundert oder sogar noch fünfzig Jahre vorher war." Eine ungeheure Verantwortung