Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 6 (April 1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- Seite 202 (sequence 24)
- Belongs to
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202 Art Kunst und sind die religiösen Naturen etwa den musikalisehen gleich zu setzen, so mag es den wenigen wirklichen Künstlern Vorbehalten bleiben, völlig ihrer Kunst zu leben, und so mag Fetischismus und Weltreligion wie Volkslied und Symphonie zu einander stehen. Ich aber will nicht den Schleier der Religion, sondern will — Wahrheit. Ich suche nicht Trost über das harte Los des Menschseins, sondern den Sinn des Menschseins selber. Ich will nicht aus dem realen Leben flüchten, sondern will wissen, wie ich leben soll, will wissen, wie ich es anfangen muß, daß es besser und glücklicher ums Menschsein in der wirklichen Wirklichkeit bestellt ist, bei mir und bei allen. In mir selber finde ich ein solches Wissen nicht. In mir selber finde ich nur den Willen, ein solches Wissen in Tat umzusetzen, die Sehnsucht, ein solches Wissen von irgendwo zu erlangen. Aber Wille und Sehnsucht genügen nicht, mir und der Weit zu helfen. Und was nicht in mir ist, kann ich auch nicht in einem Erlebnis aus!mir heraussteilen, wenn ich mich nicht selber täusche. Ich brauche kein Opium. Seelenfreund:- Alfred: Nicht wahr, Herr Doktor, mir ist nicht zu helfen — Seelenfreund: Das will ich nicht sagen. Ihnen fehlt letzten Endes eben doch das — Erlebnis. Es ist der Kern der Religion. Alles andere ist Schale. Rettung kann Ihnen nur von innen kommen, nicht von außen. Sie müssen warten. Sie müssen Geduld mit sich selbst haben. Sie können über das religiöse Erlebnis nicht urteilen, solange Sie es nicht erlebt haben. Das muß Ihnen doch ohne weiteres einleuchten. Alfred: So sagen Sie mir doch klipp und klar: Ist das religiöse Erlebnis Wahrheit? Seelenfreund: Was ist Wahrheit? Alfred: Ach, Herr Doktor- Seelenfreund: Ja, was ist Wahrheit? Alfred: Wahrheit ist, daß ich eben mit Ihnen spreche. Ist das religiöse Erlebnis ebenso!wahr? Seelenfreund: Darauf kann ich nur antworten: das religiöse Erlebnis ist eine religiöse Wahrheit. Alfred: Was heißt das? Seelenfreund: Wie die Sinneswelt für Verstand und Vernunft, so ist die religiöse Welt für das religiöse Gemüt wahr. Alfred: Also doppelte Wahrheit?! Seelenfreund: Nicht doppelte Wahrheit, sondern verschie-