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Nahalat tsevi · 1931-04-01 · Heft 6 (April 1931) · p. Seite 201

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nahalat tsevi
Volume
I (5691) 1930/31
Issue
Heft 6 (April 1931)
Date
1931-04-01
Page
Seite 201 (sequence 23)
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201 ist als die vergegenständlichte, mehr oder weniger historisch gefärbte Illusion der sehnenden Seele, so möchte ich lieber wünschen, ein solches Erlebnis niemals zu haben, und müßte ich selbst dabei verzweifeln. Sie kennen mich nicht. Ich bin!durchaus 'kein;reiner Gefühlsmensch. Wenigstens kann ich dem Gefühl nicht die Alleinherrschaft über mich einräumen. Ich habe Verstand und Vernunft genug, um jederzeit die Frage nach dem Wahrheitsgehalt eines Gefühlserlebnisses in klarer Selbstkontrolle zu stellen. Und Sie selber, Herr Doktor, der Sie mir so eindeutig die Ergebnisse der Religions- Wissenschaft vortrugen, Sie selber sind doch auch ganz offensichtlich dem Gefühl nicht hemmungslos unterworfen. Ich möchte meinen, daß, wer, gleich Ihnen, die seelischen Bedingungen eines religiösen Erlebnisses so nüchtern durchschaut, sich zwar in milder Güte, den Anforderungen seines Amtes entsprechend, den Menschen für die Momente zur Verfügung stellen kann, da!in ihnen das Gefühl emporkommt und Verstand und Vernunft überflutet, also bei Geburt und Tod, bei tiefem Weh und schäumender Freude, bei den Feiern der Hochzeit und des Begräbnisses, vielleicht hie und da auch in den Sammlungsstunden der Sabbathe und Festtage: daß er aber gleichwohl sich stets des illusionären Charakters dieser und jeder Religionsbetätigung bewußt bleiben v/ird und vor allem gar nicht daran denken kann, im Judesein eine Lebensbestimmung, eine weitgestaltende Aufgabe oder selbst nur eine die ganze Menschen- Persönlichkeit erfassende Weihe zu finden. Denn so׳ viel habe ich schon bemerkt, daß kein Mensch sich dazu entschließt, im wirklichen Leben etwa Verstand und Vernunft ganz oder auch nur halb auszuschalten und vielleicht die Führung seines Geschäfts, die Wahl seines Berufs, die Anlage seines Kapitals, die Erziehung seiner Kinder, gar nicht zu reden von der Lenkung des Staats und der sonstigen Gemeinwesen, den Eingebungen und Anforderungen eines von Verstand und Vernunft völlig unbestätigten Gefühlserlebnisses anzuvertrauen. In der Kunst, ja da haben Sie schon recht; dort können Verstand und Vernunft nicht maßgebend sein. Und wenn man tagsüber seine Sache verständig und vernünftig gehandhabt hat, läßt man sich abends ganz gern für zwei Stunden in die Gaukelwelt des Gefühls versetzen, um am nächsten Morgen, wenn es wieder ernst ist, die im Tempel der Kunst ausgeruhten Kräfte des Verstandes und der Vernunft doppelt wirksam zu regen. Ist Religion eine

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