Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 6 (April 1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- Seite 200 (sequence 22)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2551369-2551387-2551392--0224-2551717- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
200 wer ich bin, und ich weiß nicht, was ich soll. Ist das nicht komisch? Seelenfreund: Das soll komisch sein? Aber das ist doch gerade die eigentliche Wurzel jeder Religiosität! Nicht wahr, Sie fühlen sich hineingesteilt in ein All, dessen Gesetze über Sie herrschen, aus dessen Händen Sie in harter Unerbittlichkeit Ihr Schicksal empfangen, Sie sehen und empfinden die Leiden der Menschheit, ihr ewiges Entstehen und Vergehen, Sie stoßen sich an die engen Grenzen Ihres Erkennens, das nie bis zum Wesen der Dinge reicht und nie zu einem Widerspruchslosen Ganzen sich rundet, Sie sind sich des Unzulänglichen, ja des Schlechten in sich selbst bewußt und wissen auch das Gemeinschaftsleben der Menschen so weit entfernt vom Ideal des Guten und des Gerechten —: ist es nicht so? Alfred: In gewissem Sinne: ja. Nur daß- Seelenfreund: Na also! Das ist gerade das, was die Religionswissenschaft die religiöse Not nennt und worin sie die Wurzeln der Religiosität überhaupt erblickt. Im Sinne der Religionswissenschaft sind Sie somit auf dem besten Wege. Aus der Not wird die Sehnsucht entstehen, Sehnsucht nach Erlösung aus ägyptischer Not, Sehnsucht nach dem gelobten Land der Erfüllung, und in dieser sehnsüchtigen Not wird Ihre Seele schon aus Selbsterhaltungstrieb nach Gott greifen und vom Judentum all das sich zu eigen machen, was an ihm für Sie lebendig, das heißt: was für Ihre Seele tauglich ist, sie zu befreien und sie zu erfüllen. Alfred: Und was wird dann sein? Werde! ich dann wissen, wer ich bin? Werde ich dann wissen, was ich soll? Werde ich mir nicht, nach alldem, was Sie mir enthüllten, noch tausendfach verstärkt, immer sagen müssen, daß lediglich der Selbsterhaltungstrieb meiner Seele mich ein Phantom ״erleben“ ließ, das vielleicht nicht mehr objektiven Wert besitzt als etwa der Schnuller, mit dem man früher schreiende Kinder beruhigte? Seelenfreund: Aber erlauben Sie einmal — Alfred: Ach, Herr Doktor, ich möchte Sie wirklich nicht kränken. Alles, was Sie vorhin von Not und Sehnsucht sagten, stimmt durchaus, wenn ich das sagen darf. Aber wenn ich dann erwäge, daß das ganze Judentum schließlich nur die Ausgeburt des Selbsterhaltungstriebs meiner Seele sein soll, daß das, was Sie Erlebnis nennen, am Ende doch nichts anderes