Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 4-5 (Februar 1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 174 (sequence 64)
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114 diskutieren sie noch heute die Frage, ob die Väter der Reform hierzu die Befugnis gehabt hätten, und weisen immer wieder darauf hin, daß die Loslösung auch nur eines einzigen Steins vom Bau des ״göttlichen Gesetzes“ diesen gänzlich erschüttere und zu Falle bringe. Daß aber das Wesen einer Religion überhaupt nicht in einem ״Gesetz“ bestehen könne, das Gesetz vielmehr bereits der erste und bedeutsamste Schritt auf dem Wege der Erstarrnis der lebendigen, weil gerade subjektiven Religiosität zur objektiven, historischen Religion sei, daß die Reform sich religionswissenschaftlich gerade als Rückkehr von Religion zu Religiosität, vom äußerlich Gewordenen zum innerlich Erlebten darstelle, davon läßt ihre Haltung zur Reform auch nicht die leiseste Ahnung vermuten. Wenn es nach mir ginge, würde ich unser Judentum nicht liberales, was stets einen politischen Einschlag hat, und erst recht nicht neologes, sondern erlebtes Judentum nennen und damit den Gegensatz zum toten Buchstabenglauben recht deutlich zum Ausdruck bringen. Alfred: Ist denn aber nicht jedes Erlebnis, auch das religiöse, rein individuell? Und ist daher nicht das erlebte Judentum unfähig, eine religiöse Gemeinschaft zu entwickeln und zu halten? Seelenfreund: Das ist — quasi — nicht unrichtig. Sie berühren hier einen wunden Punkt. Ohne diese Schwierigkeit stünde es ohne Zweifel um das erlebte, das liberale Judentum besser. Die vielbesprochene religiöse Krise der Gegenwart scheint mir in der Tat mehr eine Krise der religiösen Gemeinschäften als eine Krise der individuellen Religiosität zu sein. [Vielleicht ist sogajr gerade die Steigerung der individuellen Religiosität die Ursache der heutigen Schwäche der religiösen Gemeinschaften. Auch hier zeigt sich eine bedeutsame Analogie zwischen Judentum und Christentum, ein weiterer Beweis für die Lehre der Religionswissenschaft, daß hinter allen positiven Religionen, als ihr Wesen an sich, die rein menschliehe Religiosität liegt. Jedoch darf ich Sie auf zweierlei aufmerksam machen. Zunächst dürfen Sie nicht Individualität mit Originalität verwechseln. Wäre das religiöse Erlebnis jedes Individuums original, so hätten wir freilich ebenso viele Religionsstifter wie Individuen, und religiöse Gemeinschaft wäre unmöglich. So ist es aber doch bei weitem nicht. Gerade hierin hat die Religionswissenschaft Ausgezeichnetes geleistet. Um als Religionspsychologie die seelischen Kräfte nachzuweisen,