Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 4-5 (Februar 1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 173 (sequence 63)
- Belongs to
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173 der alten Orthodoxie in Deutschland ist die wahrhaft erschlitternde Tragödie einer längst objektiv gewordenen Religion, die die Macht des Staats nicht besaß und die Macht über die Herzen verloren hatte. Je weniger die jüdische Religion vor hundert Jahren, im Gegensatz zum Christentum, vom Staat gestützt oder gar getragen wurde, umso eindringlicher, umso lehrreicher erwies sich an ihr die Wahrheit des Grundgesetzes der Religionswissenschaft, daß jede objektive Religion zeitlich bedingt ist, und daß zeitlos nur besteht die — Religiosität. Jede objektive Religion verdankt ihr Entstehen der Religiosität. Jede objektive Religion entsprach daher zu irgend einer Zeit!einmal durchaus den Bedürfnissen der subjektiven Religiosität, und ihre Forderungen waren zu irgend einer Zeit einmal völlig identisch mit den Forderungen der subjektiven Religiosität an sie. Bricht einmal aber der Gegensatz zwischen objektiver Religion und subjektiver Religiosität aus, wird die Religion historisch und als solche gegenüber dem Gegenwartsmensehen rein befehlerisch, so kann sie nur als Staatsreligion sich künstlich halten, wenn nicht eine kühne Reform den Ausgleich zwischen objektiver Religion und subjektiver Religiosität herstellt. Die Ewigkeit einer Religion liegt in ihrer Fähigkeit der Anpassung an die Religiosität. Verliert sie diese Fähigkeit, so kann sie aus eigener Kraft sich nicht mehr lebendig erhalten, so artet sie in einen dem Wissen entgegengestellten Glauben, schließlich in den Glauben an tote Buchstaben aus und verdankt alsdann ihr kümmerliches Dasein nur noch der Dummheit, der Bequemlichkeit, dem Aberglauben, der Heuchelei, der Unbildung, der Pietät: Eigenschaften, die bei unseren heutigen Orthodoxen in überreichem Maße vorhanden sind. Alfred: Ist das wirklich der Fall? Ich kenne persönlich, offen gestanden, keinen orthodoxen Juden. — Seelenfreund: Da lernen Sie sie nur schleunigst kennen. Wahre Denkmäler sind sie einer Religion ohne Religiosität, eines Judentums von außen heran und nicht von innen heraus. Von unsäglicher Ueberheblichkeit sind sie gegenüber der Reform und ihren Vätern, deren Wesen sie nie verstanden haben. Allen Ernstes meinen sie noch heute, daß die eigentliche! Leistung der Reform in der Außerkraftsetzung von mehr oder; weniger zahlreichen Paragraphen des ״jüdischen Religionsgesetzes“, wie sie es nennen, zu erklären sei. Allen Ernstes;