Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 4-5 (Februar 1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 172 (sequence 62)
- Belongs to
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172 drücken darf, möchte ich sagen, daß das Judentum genau das von Ihnen verlangt, was Sie vom Judentum verlangen. Alfred: Wie meinen Sie das? ז Seelenfreund: Sie werden mich sofort begreifen, wenn Sie meine Auffassung vom Wesen der Religion kennen. — Es ist sicher kein Zufall, daß genau um die Zeit, da die jüdischen Reformer ihr großes Werk begannen, bei den Christen Schleiermacher den ersten Vorstoß gegen die objektive Religion unternahm und an ihre Stelle die Religiosität setzte, das religiöse Gefühl, das er als das Gefühl ״der schlechthinnigen Abhängigkeit“ definierte. Ist Ihnen der Unterschied zwischen Religion und Religosität klar? Alfred: Ich glaube wohl. Mir scheint, daß es derselbe Unterschied ist wie zwischen einem Religionssystem und einem religiösen Menschen. Seelenfreund: Das ist vollkommen zutreffend. An Schleiermacher hat sich die Religionswissenschaft geknüpft, und ihr Ergebnis liegt heute, nach hundert Jahren, klar vor Augen. Man darf wohl sagen, daß die jüdische Reformbewegung dieses Ergebnis in geradezu genialer Schau quasi vorweg genommen hat. Die Religionswissenschaft ist die glänzendste Bestätigung der jüdischen Reformbewegung. Lassen Sie mich Ihnen dies zeigen. — Die Väter der jüdischen Reform standen vor der jüdisehen Religion als einem Komplex von Forderungen, gerichtet an den Intellekt und den Willen des Juden. Intellekt und Wille des deutschen Juden befanden sich aber in heller Empörung gegen diese Forderungen. Es war eine Schicksalszeit von ungeheurer Verantwortungsschwere. Die Führer der alten Orthodoxie machten sich zum Mund der Forderungen und schleuderten Bann auf Bann gegen die Rotte der Empörer, gegen die ״Poschim“, wie sie das so schön nannten. Mit ״Schofar und Riemen“ hätten sie am liebsten die entlaufene Herde zur Hürde zurückgeschleppt. Wäre ihrer die Macht gewesen, so hätten sie der Welt das Schauspiel einer Gewissensknechtung gegeben, dem keine geschichtliche Erfahrung gleich gekommen wäre. Aber zum Glück fehlte ihnen gerade die Macht am meisten. Nicht einmal den Bann konnten sie wirksam durchführen. So blieb ihnen nichts übrig, als zu fordern und immer wieder zu fordern, schließlich auch zu bitten und zu beschwören, zu klagen und zu jammern, bis-ja bis das Gelächter ihre Stimme übertönte, oder der Tod ihre Stimme brach. Der Untergang