Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 4-5 (Februar 1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 171 (sequence 61)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2551369-2551387-2551391--0190-2551682- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
171 Alfred: Und Offenbarung? Wo bleibt die Offenbarung? Seelenfreund: Offenbarung? Die Wissenschaft kennt keine Offenbarung. Oder höchstens die Selbstoffenbarung des mensch- Lichen Geistes. In ihr offenbart sich Gott. Wie kann sich Gott anders offenbaren als im Geist? * Alfred: Aber braucht nicht das Judentum auch Offenbarung? Sagten Sie es nicht selbst? Seelenfreund: Gewiß sagte ich das. Wie sich dem großen Künstler die Schönheit offenbart, so dem großen Religions- Stifter — Gott. Alfred: Also Offenbarung in ihm, nicht Offenbarung an ihn? Seelenfreund: Ausgezeichet. Anders ausgedrückt: Nicht objektive Offenbarung, sondern subjektive. Religion ist — Erlebnis. Und hier halten wir gerade bei dem Punkt, der für die Religionswissenschaft entscheidend ist. Auch die Offenbarung führt sie auf Kräfte der menschlichen Seele zurück, lund solange diese Kräfte lebendig sind, solange ist auch die Offenbarung eine religiöse Wirklichkeit Im Namen der Offenbarung aber fordern und befehlen, das scheint der Religionswissenschaft so komisch, als wollte man uns Modernen befehlen, ein uns längst gleichgiltig gewordenes Bild deshalb als schön zu empfinden, weil vergangene Geschlechter in ihm einmal das Ideal der Kunst erblickt haben. Eine Offenbarung braucht nicht zu befehlen. Sie wirkt vermöge der Kräfte, die sie erzeugt haben. Eine Offenbarung kann nicht befehlen. Denn greift sie zum Befehl, so ist dies das deutlichste Zeichen, daß ihre Zeit vorbei ist. Eine Offenbarung wird entweder jeden Tag von neuem erlebt: dann ist der Befehl überflüssig. Oder sie gibt sich selbst als nur noch historisch aus: dann ist der Befehl unwirksam. Der Kampf zwischen Glauben und Wissen ist immer nur ein Kampf zwischen aktueller Wissensoffenbarung und historisch gewordener Religionsoffenbarung. Das Lebende ist aber immer stärker als das Tote. — Meinen Sie nicht? — Warum auf einmal so still, mein Lieber? Alfred: Ach, Herr Doktor, mir fiel eben der Ausgangspunkt unserer Unterhaltung ein. Ich wollte wissen, was das Judentum von mir verlangt. Dann ist wohl auch meine ganze Frage — gegenstandslos; nicht? Seelenfreund: Das will ich nicht sagen; durchaus nicht. Man muß sie nur richtig verstehen. Wenn ich es spitz aus-