Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 4-5 (Februar 1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 169 (sequence 59)
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169 Seelenfreund: Daß Spinoza, im Gegensatz zu Mendelssohn kein jüdisches Heimatsgefühl besaß. Daß er in der jüdisehen Nation keine Wurzeln hatte. Als sich Mendelssohns Subjektivismus am alten Judentum stieß, entdekte er nicht nur dessen befehlerische, objektive Natur, sondern entdeckte auch den jüdischen — Nationalismus. Mendelssohn ist sozusagen der erste Nationaljude. Beides: Die befehlerische Natur des Judentums und der nationale Charakter der Judenheit sind die Stützen seines Judentums geworden und geblieben. — Sehen Sie, so bedeutend war der Mann immerhin, daß die Entwicklung eines ganzen Jahrhunderts in ihm vorgezeichnet war. Freilich war er nicht groß genug, um den Gefahren der Zukunft, die er selber mit heraufbeschworen hatte, auch nur im mindesten vorzubeugen. Wenige Jahrzehnte später waren die Stützen seines Judentums geborsten. Als Westeuropas Geist Mendelssohns Subjektivismus in die jüdische Masse trug, tat die jüdische Masse, was Mendelssohn aus Liebe zu ihr nicht gewagt hatte: sie schüttelte das Befehls joch des alten Judentums von Intellekt und Willen ab und machte sich frei. Sie tat dies umso entschlossener, als die gleichzeitig einsetzende Emanzipation den nationalen Reifen sprengte und schnelle Verschmelzung verhieß. Das war der Untergang des alten Judentums. Es ist doppelt untergegangen; sowohl vermöge seines religiös-befehlerischen wie vermöge seines nationalen Charakters. Alfred: Und wir? Seelenfreund: Wir sind das Werk der großen jüdischen Reformer. Ohne sie gäbe es keine deutschen Juden mehr. Alfred: Wäre das so schlimm? Seelenfreund: Ob schlimm oder nicht, darauf kommt es im Moment gar nicht an. Ich will zunächst nur feststellen und nur entwickeln. Werturteile wollen wir erst abgeben, wenn wir verstanden haben, was geworden ist. Es ist ein häufiger Fehler der Jugend, daß sie viel zu vorschnell wertet. Erst begreifen, dann urteilen. Doch dies nur nebenbei. — Es sind jetzt schon hundert Jahre her, daß die jüdischen Reformer an ihre Arbeit gingen. Nicht alle ihre Wünsche haben sich verwirklicht. Es ist gar manches anders gekommen, als sie gedacht haben. Aber man sollte doch heute imstande sein, gerecht über sie zu denken. Sie verdienen wahrlich nicht den Spott und Hohn, den selbst liberale Juden oft über sie gossen,