Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 4-5 (Februar 1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 168 (sequence 58)
- Belongs to
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165 sehenden Tatbestand und einem Inbegriff objektiver, Gehorsam heischender Forderungen stieß, war — Moses Mendelssohn. Niemand hat die Objektivität des alten Judentums, also seine intellektuelle und praktische Unabhängigkeit vom Intellekt und dem Willen des einzelnen Juden, schärfer als er erfaßt, und zwar deshalb, weil gerade seine Subjektivität sich bereits in einem ausgesprochenen Spannungsverhältnis zu jener Objektivität befand, sein individueller Intellekt bereits anders dachte, sein individueller Wille bereits anders begehrte. Sie verstehen mich doch? Es klingt ein wenig gelehrt... Alfred: Gewiß verstehe ich. Sie meinen, daß Moses Mendelssohn die über den einzelnen Juden hinausgehobene, gewissermaßen befehlerische Natur des alten Judentums deshalb so klar durchschaut hat, weil er innerlich längst weit moderner dachte und fühlte. Seelenfreund: Ganz recht. Befehlerische Natur ist sogar sehr gut gesagt. — Das Merkwürdige ist aber, daß Mendelssohns Einsicht in die Objektivität des Judentums ihn nicht nur nicht aus dem Judentum hinausgetrieben, ihm vielmehr umgekehrt überhaupt die Möglichkeit gegeben hat, orthodoxer Jude zu bleiben. Wissen Sie, wie ich das meine? Wäre das alte Judentum Inbegriff subjektiver Erkenntnis und subjektiver Willensbejahung gewesen, so hätte Mendelssohn nicht eine Stunde länger orthodoxer Jude bleiben können, ohne sich selbst als Heuchler verachten zu müssen. Er hat die befehlerische, die überindividuelle, die objektive Natur des alten Judentums deshalb so scharf herausgestellt, um seine Orthodoxie als reinen — Gehorsam gegenüber der Gemeinschaft, in die ihn die Geburt versetzt hatte, vor sich und der Mitwelt rechtfertigen zu können. Mendelssohn war eben kein Stürmer, kein Reformer. Das Höchste, was über ihn als Mensch gesagt werden kann, möchte ich also ausdrücken: Moses Mendelssohn ist orthodoxer Jude geblieben, weil er zu edel war, um sein Schicksal vom Schicksal der verachteten Judengemeinschaft zu trennen. Können Sie das nachfühlen? Alfred: Nicht ganz. Wo bleibt die Wahrheit? Seelenfreund: Die Wahrheit behielt er freilich für sich. Es hat nicht jeder das Zeug zu einem Spinoza. Auch!war Mendelssohn kein Maranne. Alfred: Was wollen Sie damit sagen?