Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 4-5 (Februar 1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 166 (sequence 56)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2551369-2551387-2551391--0185-2551677- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
166 Seelenfreund : Also hören Sie. — Noch ,vor hundert Jahren galt im Judentum, wie in jeder Religion, als unbedingt wesentlieh der Glaube an die Tatsächlichkeit bestimmter, von der Ueberlieferung bezeugter Vorgänge, der Glaube an die Richtigkeit bestimmter, von der Ueberlieferung gelehrter Erkenntnisse, der Glaube an die Unaufhebbarkeit bestimmter, von der Ueberlieferung aufgestellter praktischen Forderungen. .Wer also etwa den Vorgang der wunderbaren Spaltung des Schilfmeeres bestritt, wer die Lehre von der Erschaffung der Welt in sechs Tagen nicht anerkannte oder die Lehre von der körperlichen Auferstehung der Toten, wer dafür hielt, daß etwa das Rasierverbot ihn nicht mehr binde, weil man auch mit rasiertem Antlitz selig werden könne: der galt als Abtrünniger, als ״Epikuräer“. Das Schicksal Spinozas bestätigt es Ihnen mit furchtbarer Eindringlichkeit. Das Judentum war eben damals ein objektiver, dem Befinden des Einzelnen und selbst dem Wandel der Zeiten entzogener Tatbestand, der vom wahrnehmenden Verstand und von der begreifenden Vernunft die huldigende Anerkennung als Wahrheit, vom tatzeugenden Willen die Unterwerfung des Gehorsams heischte. Kern und Schale waren an diesem Tatbestand so wenig zu scheiden, als etwa dem Willen irgendwie eine Auswahl zugestanden wurde. Es ist ohne weiteres klar, daß das Judentum, also verstanden, nach Einsturz der Ghettimauern in die nämliehen Schwierigkeiten geraten mußte, gegen die das Christentum gerade damals zu kämpfen hatte. Alfred: Welche Schwierigkeiten meinen Sie? Seelenfreund: Schwierigkeiten des sich aufbäumenden I ntellekts und, für das Judentum in viel höherem Maße als für das Christentum, Schwierigkeiten des sich empörenden Willens. Insofern das Judentum sich als objektiver Tatbestand darbot, angeblich verbürgt durch Schrift und Ueber- Lieferung, letzten Endes überhaupt nur durch Ueberlieferung, da nur diese für die Schrift einstehen konnte, erhob sich für den von der westeuropäischen Kultur erfaßten Intellekt der deutschen Judenheit die Frage nach der Wahrheit dieses Tatbestands, der berühmte Gegensatz von Glauben und Wissen, der bisher immer noch, wo immer er zu erlebtem Ausbruch kam, zugunsten des Wissens entschieden worden ist. Denn Wissen war noch stets stärker als Glauben, wenn beide derselben Persönlichkeit über denselben Gegenstand Unver-