Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 4-5 (Februar 1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 164 (sequence 54)
- Belongs to
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164 Alfred: Ich verstehe. Sie wollen mir klar machen, daß die allgemeinen bürgerlichen Tugenden eine unerläßliche Voraus- Setzung des Judentums bilden. Nicht wahr? Seelenfreund: Mehr noch als Voraussetzung. Die bürgerliehen Tugenden bilden, mein junger Freund, einen wesentlichen Bestandteil des Judentums selber. Das möchte ich mit aller Schärfe betont wissen. Gerade hierin unterscheidet sich meine Auffassung vom Judentum von der sogenannten orthodoxen Richtung. Was haben Sabbathut und Gebetriemen und Nahrungsdiät für einen Wert, wenn!man nicht als vorbildlicher Mensch und Bürger sich bewährt. Hierin stehe ich ganz im Einklang mit den alten großen Propheten Israels. Alfred: Das leuchtet mir sehr ein. Seelenfreund: Nicht wahr? Jeder Jude, der betrügt oder sonst irgendwie vom schmalen Pfad der gewissenhaften Redlichkeit abweicht, richtet ,unendlichen Schaden an. Immer wieder predige ich es von der Kanzel. Es ist der Anfang und das Ende vom Ganzen. Alfred: Ja gewiß. Aber — verzeihen Sie: haben Sie mir sonst nichts zu sagen? Seelenfreund: Mein lieber Freund, nehmen Sie das nicht zu leicht. Es ist sehr viel, was ich Ihnen da sagle. Alfred: Das verkenne ich durchaus nicht. Aber wenn das Judentum nichts anders als dies fordert, ist es schließlich vom deutschen Handelsgesetzbuch kaum zu unterscheiden. Im deutsehen Handelsgesetzbuch steht genau dasselbe. Seelenfreund: Schon richtig. Aber es ist doch ganz etwas anderes, wenn es im Namen Gottes gefordert wird. Alfred: Das mag schon sein. Aber nehmen Sie einmal an, daß ich fest entschlossen bin, ,dem Ideal des deutschen Handelsgesetzbuchs zu entsprechen, wobei ich einstweilen dahingestellt lassen will, ob ich es im Namen Gottes oder im Namen des!deutschen Reichs tue. Darf ich alsdann meine Frage wiederholen, was außerdem noch das Judentum von mir verlangt? Seelenfreund: Nun, Sie kennen doch das ,״Höre Israel“? Höre, Israel, unser Gott ist ein einziger Gott! Alfred: Und wenn schon? Seelenfreund: Sagt Ihnen dieser Satz nichts? Es ist die Fahne des reinen Monotheismus, die wir gehißt und mitten in einer feindlichen Welt hoch gehalten haben. An jedem Buch-