Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 4-5 (Februar 1931)
- Date
- 1931-02-01
- Page
- Seite 163 (sequence 53)
- Belongs to
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itö Der neue Kusari. 11. Reformjudentum. Da nun Alfred Roden die schmerzliche Einsicht hatte, daß zwischen seinem Vater und ihm ein Abstand war, wie er nur zwischen zwei aufeinander folgenden Generationen zuweilen bestehen kann, sein suchendes Gemüt ihn aber die Ruhe nich+ finden ließ, nach der er sich sehnte, verfiel er auf den Gedanken, sich bei dem Doktor Seelenfreund Rats zu erholen, den er als geistliches Oberhaupt der jüdischen Gemeinde seines Ortes für besonders geeignet hielt. So begab er sich denn zu ihm und bat ihn kurz und bündig, ihm zu sagen, was eigentlich das Judentum von ihm verlange. Seelenfreund: Mein lieber junger Herr, haben Sie die Absicht, zum Judentum überzutreten? Alfred: Aber nein, Herr Doktor, ich bin ja geborener Jude. Aber ehrlich gestanden, weiß ich vom Judentum so gut wie nichts. Und auch mein Vater kann mir nichts sagen. Drum komme ich zu Ihnen. Nachdem ich Jude bin, möchte ich einmal hören, was ich als Jude zu tun habe. Vielleicht werde ich mich danach richten. Zum mindesten will ich die Möglichkeit haben, mich selber zu entschließen. Ich meine, darüber kann nur jeder selbst befinden. Darum nehme ich Ihre Güte in Anspruch. Seelenfreund: Als Jude haben Sie zunächst die Pflicht, ein anständiger Mensch zu sein. Alfred: Wie meinen Sie das? Ihre Antwort überrascht mich etwas. Seelenfreund: Wir deutschen Juden sind eine ausgesprochene Minorität in unserem Vaterlande. Auf jeden einzelnen von uns sieht man mit Argusaugen. Jede Unredlichkeit eines deutschen Juden fällt der ganzen jüdischen Gemeinschaft zur Last. Auf jedem deutschen Juden liegt eine ungeheuere Verant- Wortung. Das Judentum verlangt daher in erster Reihe von Ihnen, daß Sie sich durch geschäftliche Redlichkeit auszeichnen. Auf diese Weise können Sie die oberste Pflicht eines jeden Juden erfüllen: Den Namen Gottes im Kreise der Mitmenschen zu heiligen. Auf diese Weise bringen Sie auch am ehesten das Judentum, das sich leider immer noch gar mancher Verlästerung ausgesetzt sieht, zu ehrender Anerkennung.