Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 2 (Dezember 1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 63 (sequence 33)
- Belongs to
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63 Und es gibt Kinder, die aus Völlig fremdem Erdreich, in das! ihre Eltern sie gesetzt haben, sich 'selbst herausreißen, um in Gottes Garten Wurzeln zu schlagen. Geheimnis Gottes. Alfred Roden verließ die Sportplätze und vergaß die großen Sporthelden. Leidenschaftlich gab er sich der Einsamkeit hin, und in dieser Einsamkeit fühlte er immer mehr die Fäden zerreißen, die die Gewohnheit des Lebens zwischen ihm und der Welt geknüpft hatte. Wem aber das Leben nicht mehr Gewohnheit ist, der kann es nicht mehr hinnehmen, wie es nun so ausschaut und weil es nun so ausschaut. Der wird aus dem Leben hinausgetrieben, wenn es ihm nicht gelingt, Gott in das Leben einzuführen. Seltsam: Der Jammer des Menschseins pflegt junge Mensehen in all ihrer Lebensunerfahrenheit viel unvermittelter und härter anzufallen als die Reifen und Fertigen. Das Ahnungsvermögen, das Einfühlungsvermögen junger Menschen ist oft grenzenlos. Es hat nicht selten den Anschein, als ob sie in den 1 Jahren, da sie sich zur Persönlichkeit entwickeln, gewissermaßen die gesamte Menschheitentwicklung in sich voll Hast rekapitulieren. Wie ein Nachtwandler vollzog Alfred Roden die Obliegenheiten des Tages. Am Abend aber schweifte er oft stundenlang am Ufer des Flusses hin und her und fühlte sich von unleidlichem Schmerz zerrissen. Die Sinnlosigkeit des Lebens lastete in unerträglicher Schwere auf 1ihm, und seine Gedanken konnten sie nicht meistern. Dazu stieg eine!wahnsinnige Angst in ihm auf, ob er am Ende krank sei oder völlig aus der Art geschlagen. Des Nachts fand er nur spät den Schlaf, den unruhige Träume erfüllten. Besonders ein Traum wiederholte sich immer wieder: Ihm träumte, er habe nach unsäglicher Mühe eine Methode gefunden, wie er aus eigener Kraft, ohne Hilfe einer Maschine, sich über die Erde erheben und fliegen könne. Nun flog er durch den Weltenraum in immer steilerer Höhe, aber siehe, der Weltenraum war unermeßlich leer und öde. Da befiel ihn furchtbare Trauer und Müdigkeit, und langsam fühlte er die Kräfte seiner schwingenden Arme erlahmen. Aber plötzlich klang eine Stimme an sein Ohr, voll Mitleid und milder Güte. Und die Stimme sprach: Dein Streben ist gut, aber dein Tun ist nicht gut! Und wie er die Stimme hörte, brach er in Tränen aus, mitten in seinem stolzen Weltflug, und — erwachte.