Mannheim
Compact Memory

Nahalat tsevi · 1930-12-01 · Heft 2 (Dezember 1930) · p. Seite 62

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nahalat tsevi
Volume
I (5691) 1930/31
Issue
Heft 2 (Dezember 1930)
Date
1930-12-01
Page
Seite 62 (sequence 32)
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2551369-2551387-2551389--0071-2551561
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

62 gung fest, daß er hier vor einem Tore stehe, zu dem ihm zwar der Schlüssel fehle, dessen Oeffnung ihm aber unter allen Umständen gelingen müsse, wenn er nicht überhaupt an Stelle der Sehnsucht nach Frieden die Entsagung setzen wolle. Wie es Kinder gibt, deren Gemüts sich, gerade wegen des ängstlich gewahrten Geheimnisses, die Frage nach ihrer körperlichen Herkunft mit einer alles andere verdrängenden Wucht bemächtigt, die sie nicht eher zur Ruhe kommen läßt, bis sie das Geheimnis enthüllt haben, also wuchs in Alfred Roden der übermächtige, geradezu triebhafte Wunsch empor, sich völlige Klarheit über sein Judesein zu verschaffen, gleich als ob seine Herkunft über seine Zukunft zu enscheiden habe. Alfred Roden griff zur Heiligen Schrift in deutscher Ueber- Setzung. Sie zog ihn an und stieß ihn zugleich ab. Deutlich spürte er, daß er aus eigener Kraft zu ihrem Sinne nicht vorzudringen vermöge. Sie schien ihm alles vorauszusetzen und nichts zu beweisen. ״Im Anfang erschuf Gott den Himmel und die Erde.“ Wer ist Gott? Was ist Anfang? Was ist Himmel? Welche Erde? Die heutige? Jedes Wort eine Frage. Ja vor allem: Wer ist Gott? Gibt es ihn? Hat er sich wirklich einwandfrei und zuverlässig offenbart? Gibt es einen Menschenkreis, der im Besitz einwandfreier und zuverlässiger Wahrheit ist? Warum hatte man ihm bisher, wie es ihm schien, jenen Menschenkreis beharrlich vorenthalten und diese Wahrheit planmäßig verschwiegen? Was war ihm bisher Gott? Im Grunde genommen bestenfalls ein Grenzbegriff, der die Stelle kennzeichnete, über die menschliches Wissen nicht hinausdringen kann; meistens aber nur eine leere und abgegriffene Wortfloskel. Und dennoch sagte ihm eine sichere Stimme, daß all seine qualvollen Fragen über den Sinn seines Menschseins überhaupt und seines Judeseins im besonderen in Gott wie in ihrem Brennpunkt Zusammenliefen und nur von Gott aus Beantwortung finden konnten. Wer vermöchte in das hohe Wunder verständnisvoll einzudringen, das in einem verlorenen Sohn des jüdischen Volks mit elementarer Gewalt den verdurstenden Schrei nach Gott und Gottes Wort plötzlich erklingen läßt? Es gibt jüdische Eltern, die sich mit hingebender Sorgfalt bemühen, ihr Kind in Gottes Garten einzupflanzen, und es gelingt ihnen nicht.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.