Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 2 (Dezember 1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 61 (sequence 31)
- Belongs to
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61 die Gabe rascher Auffassung, lernte leicht und vergaß nicht schnell, machte!in der Aneignung fremder Sprachen gute Fortschritte und zeigte auch für geschäftliche Dinge, die der Vater ihm hie und da nahe brachte, ein erfreuliches Verständnis. Ein Wandel geschah erst, als Alfred in die Jünglingsjahre trat. Der Wandel war überraschend genug. Der bisher völlig an die Welt Hingegebene schloß sich von ihr ab und lauschte nur noch den Stimmen seines ihm selber rätselhaften Innern. Woher sie ihm gekommen waren, wußte er nicht zu sagen. Sie waren einfach da, und sie waren in hohem Maße gefährlich. Ganz unsachliche Dinge, wie Zweck des Daseins, Herkunft des Bösen, Sinn des Guten, Berechtjgung des unermeßlichen Menschenleids auf Erden, die ewigen Kriege in der Weltgeschichte, des scheußlichen Gegensatzes von Reich und Arm, des Kampfes aller gegen alle in der Natur, lauter Dinge also, von denen ein werdender Bankdirektor ohne Zweifel kaum flüchtige Kenntnis zu nehmen hat, ergriffen von ihm Besitz und ließen ihn nicht mehr los. Sie versetzten ihn in einen Zustand, den man nicht anders bezeichnen kann als einen Zustand allgemeinen Staunens und allgemeiner Sehnsucht. Sein Staunen galt der plötzlich entdeckten Haltlosigkeit, ja völligen Unhaltbarkeit des Menschseins, wie er es selbst bis jetzt betätigt hatte und von seinem ganzen Umgebung unablässig betätigen sah. Seine Sehnsucht galt einem graden und sicheren Weg aus all dieser unerhörten Bedrängnis, galt einem treuen und zuverlässigen Führer, der ihm den Weg zum Frieden zu weisen vermöchte. Indem aber nun Alfred Roden immer tiefer in das Dunkel seines Innern hinabstieg, mußte er schließlich auch den Zusammenhang aufspüren, der zwischen ihm und dem Judentum bestand. Daß er Jude sei, hatte er natürlich stets )gewußt. Doch hatte er darüber ehedem nicht mehr nachgedacht als etwa über die Farbe seiner Augen. Besonders glückliche Umstände hatten seiner Kindheit die Stöße des Judenhasses ferngehalten und ,ihr das harmlose Ruhen in sich selbst gewahrt Erst die Stimmen seines eigenen Innern scheuchten ihn auf. Grenzenlos war sein Staunen, da er sein Judentum gewissermaßen entdeckte. Je weniger er nach seinem ganzen Werdegang wissen konnte, was denn dies Judesein eigentlich bedeute, je geheimnisvoller ihm somit die eigene Herkunft erscheinen mußte, umso beharrlicher setzte sich in ihm allmählich1 die Ueberzeu-