Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 2 (Dezember 1930)
- Date
- 1930-12-01
- Page
- Seite 58 (sequence 28)
- Belongs to
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56 liehe {Schulzwang brachte es mit sich, daß selbst den Kindern aus frömmsten Häusern die ungarische Sprache neben dem im elterlichen Hause üblichen jüdisch-deutschen Idiome zur zweiten Muttersprache werden mußte. Und so sickerten auch in den Gedankenkreis des heranwachsenden jüdischen Kindes allmählich auch fremde Ideen mit ein, die die altjüdische!Er- Ziehung wohl zurückdrängen, aber nicht ganz beseitigen konnte. 1 Nach meinem 17. Lebensjahre, nach einer Reihe von Jahren, die ich fast ausschließlich dem Talmudstudium gewidmet hatte, kam ich auf die altehrwürdige Jeschiwa in Preßburg, wo emsiges Thorastudium meine Hauptbeschäftigung blieb. Aber das Preßburger Jeschiwa-Miiieu hat mir und einem bedeutenden Teile der Genossen auch noch etwas anderes geboten. Mit dem Wunsch nach Prüfungsablegung in den Lehrdisziplinen einiger Mittelschulklassen ging ein Streben nach Erlangung einer tieferen weltlichen Bildung gar häufig Hand in Hand. Hierbei wurde die Aufmerksamkeit der strebenden Jünger auch auf die außertalmudischen Gebiete jüdischer Wissenschaft, wie Tenachstudien, Jüdische Geschichte, religionsphilosophische Werke u. s. w. gelenkt. Auch zu Mendelssohns Schriften wurde gegriffen, und ich erinnere mich noch, mit welch hohem Entzücken ich ״Phädon“ wiederholt gelesen habe, wie ich viele Stellen des ״Phädon“ auswendig hersagen konnte und so manche Stelle ins Hebräische zu übertragen mich bemühte; und doch fühlte ich mich nicht ganz befriedigt. Ich ahnte wohl, daß das Judentum etwas urgewaltig Großes und welthistorisch Bedeutendes ist. Ich konnte es mir aber nicht zum klaren Bewußtsein bringen. Namentlich konnte mich die von Maimonides vertretene Anschauung, die den Gipfel alles religiösen Strebens in der klaren philosophisehen Gotteserkenntnis erblickt, nicht befriedigen. Aber auch über die Ursache der Unzufriedenheit war ich mir damals noch völlig im Unklaren. Es war mehr ein Ahnen und Fühlen in mir, daß zwischen dieser auf Aristoteles zurückgehenden Anschauung und dem in den Gesetzen der Thora sich aussprechenden Judentum eine Kluft gähnen muß. Zur völligen Klarheit gelangte ich erst, als mir der Meister die Binde von den Augen nahm. Es war am Ende eines Sommersemesters, da wir nach dem ״großen Verhör“ wieder ein wenig zur außertalmudischen