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Nahalat tsevi · 1930-11-01 · Heft 1 (November 1930) · p. Seite 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nahalat tsevi
Volume
I (5691) 1930/31
Issue
Heft 1 (November 1930)
Date
1930-11-01
Page
Seite 26 (sequence 28)
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26 Aber dennoch wäre es verfehlt, sich etwa mit dem zweifeilos richtigen Hinweis zu beruhigen, daß ein großer Teil der antijüdischen .Wähler gar nicht — oder doch nicht in erster Reihe — die Juden gemeint habe. Die Tatsache, daß es jedenfalls in Deutschland möglich war, tiefgehenden Unzufriedenheiten zum mindesten die äußere Wendung gegen die deutschen Juden zu geben, sie geradezu zum Schiboleth der Wahlbewegung zu machen, diese Tatsache bleibt unter allen Umständen bestehen, und sie ist von erschütternder Bedeutung. Sie ist, einstweilen, das Fazit hundertjähriger Emanzipationsgeschichte. ' Sie trifft am (härtesten das Reformjudentum oder, wie es sich heute lieber nennen hört, das liberale Judentum. Gewiß macht Hitler keinen Unterschied zwischen orthodoxen Juden und reformierten Juden. Ist dem Verderber einmal Raum gegeben, prüft er nie. Aber das Reformjudentum muß in diesem Fazit einen förmlichen geistigen Zusammenbruch erblicken. Das Reformjudentum war,;seinem innersten Wesen nach, keine re• ligiöse, sondern eine soziale Bewegung. Seine Triebfeder war nicht das Judentum, sondern die Emanzipation. Sie restlos zu erreichen, gab es, Stück für Stück, das historische Judentum preis. Der Reformjude wollte zu seinem Gotte nicht anders sprechen als der Deutsche: so griff er zum deutschen Gebet. Er wollte religiös nicht anders fühlen, als der Deutsche: so lehnte er die Opfer der Thora ab. Er wollte nicht anders feiern als der Deutsche: so verlegte er die Geschäftsruhe des Sabbath auf den Sonntag. Er wollte nicht anders hoffen, als der peutsche: so schied er sich von Zijon und Jeruschalajim. Er wollte nicht anders genießen als der Deutsche : so verwarf er die Speisegesetze der Thora. Nichts im Judentum war ihm zu heilig, um es nicht willig auf den Altar 'der Emanzipation zu legen. Es hat alles nicht geholfen. Heute läuft der liberale!Jude aufgescheucht herum und weiß nicht, wie ihm geschah. Warum muß er leiden? Was will man von ihm? Wer ruft ihn? Was ist der — Sinn von all dem? Was ist der Sinn des Judeseins, das ihm solches auferlegt? Die Stimme Hitlers ist stärker als das Gesäusel liberal-jüdischer Geistlicher. Der Gott der Geschichte hat dem Reformjudentum die Sanktion versagt. , Nur mit tiefer Bewegung kann man heute lesen, was Rabbiner Hirsch vor fast 100 Jahren in den ״Neunzehn Briefen“ über Reform und Emanzipation schrieb. Man ver-

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