Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 1 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 25 (sequence 27)
- Belongs to
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— 25 -- gleichen auf den Ländern der Erde sucht. Kein anderer jttöischer }Volksteil hat bis heute einen Mendelssohn hervargebracht, der deutscher Philosoph war, ob gleich betonter Jude; kein ,anderer jüdischer Volksteil einen Rabbiner Hirsch, der deutsche Kultur prüfte und sonderte, weil er bewußter Jude war. In keinem anderen Land sind die eigentlichen Qaluth- Probleme des letzten Jahrhunderts — Reform und Zionismus — gründlicher, methodischer, schmerzvoller und leidenschaftlieher behandelt und ausgetragen worden als in Deutschland. Die Väter der Reform und des Zionismus gehören dem deutschjüdischen Kulturkreis an. Der Jude des Ostens hat sein Judentum meist von der Umwelt abgeschlossen, oder wenigstens nicht gewußt zu ihr in ein positives Verhältnis gesetzt. Der Jude des :Westens hat sein Judentum meist dier Umwelt preisgegeben. Der Jude der Mitte hat ein Jahrhundert gekämpft und gerungen. Am Schluß kam Hitler. Die ganze Welt rhorcht auf. Sie fühlt die Tragweite des Ereignisses. Deutschlands Juden hatten einen besonderen Klang. Nicht zahlreich genug, um, wie im Osten, zu einem Nationalitätenproblem zu werden. Nicht zahlarm genug, um, wie im Westen, fast zu verschwinden. Die Armut an Zahl zudem durch Qualität ersetzend: Das jüdische Diasporaproblem in Reinkultur. Die ganze Welt, und nicht nur die jüdische, horcht auf. Was geht!in Deutschland vor? Es waren freilich — Wahlen. Man weiß zur Genüge, wie es dabei zugeht. Das Ergebnis des Septembertages ist nicht das erste, das die Wähler selber überrascht hat. Die Qual der Wahl hat oft genug zur Wahl der Qual geführt. Wer nicht katholisch gebunden oder sozialistisch organisiert oder kommunistisch fanatisiert war, gleichwohl aber seiner Unzufriedenheit mit dem bisherigen Lauf der Dinge und seiner Forderung entschiedenen und zielbewußten ׳Handelns deutlichen Ausdruck geben wollte, hatte es diesmal wirklich nicht leicht, sich izu einer den Staat bejahenden Partei zu bekennen. Niemand war da, der die Masse zu sich heraufzog. So gab man seine!Stimme dem, der zur Masse ganz und gar hinabstieg; dem Masseführer, der alle Stichworte der Masse kannte und sie virtuos handhabte; der nicht das Wort beherrschte, sondern vom Wort beherrscht wurde; der die Masse nicht befreite, sondern sie nur, wie alle Demagogen, entlud; der der Masse alles versprach, dessen► sie begehrte, und von ihr nichts verlangte, was sie zuvor zu leisten hätte. Es waren eben — Wahlen.