Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 1 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 15 (sequence 17)
- Belongs to
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15 Programmatisch konnte die Orthodoxie nur ihre alten .Werte feststellen und den Nachweis versuchen, daß sie eine Aufnahme der Kultur der Umwelt ohne Schaden zu ertragen vermochte. Vielfach entwickelte sich daraus ein Zusammenhangloses Nebeneinander von Religion und Kultur. Sicher wäre folgerichtiger!eine!andere Antithese gewesen. Während der Zeitenruf, und zwar nicht bloß im jüdischen Leben, lautete: Kultur als Religion, mußte ein seines Wertes sich bewußtes Judentum das Programm geben: Religion als Kultur. Tatsächlich;war dies vielleicht unbewußt zum Programm des Ostens geworden. Allein!nan möge und darf nicht übersehen, daß in den Tagen der wiedererwachenden Orthodoxie fast allenthalben der Glaube sich breitgemacht hatte, es gäbe nur die eine Mögr lichkejt: Kultur gegen die Religion; es war also schön iein ganz gewaltiger Sieg, wenn die Devise Religion und Kultur sich die ,Herzen und Gemeinden erobert. Jedoch tat sich hier innerhalb der traditionsgläubigen jüdischen Welt eine gewattige Kluft auf zwischen Ost und West und die oben gezeichnete (Antithese ist das Wesen dieses Gegensatzes. Die Momente der Fühlungnahme schwanden immer mehr. Politische Grenzlinien taten das Ihrige dazu, um den Verkehr zu erschweren und die Gegensätze zu vertiefen. Diese Entwicklung kennzeichnet das 19. Jahrhundert für die innere jüdische Geschichte. Ein zweites Moment ist zu berücksichtigen: das Fallen der Mauern des Ghettos und die allmähliche, lediglich auf das Kulturelle beschränkte Konstruktion der jüdischen Gemeinde wirkten destruktiv auf das Gemeinschaftsgefühl. Eine Einflußnähme auf Führung und Anschauung des einzelnen wurde der Gemeinde unmöglich gemacht. Der Jndividualismus feierte auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft seine Orgien: Das jüdische Individuum trat nicht mehr wie früher durch das Medium [seiner Gemeinde in und an die jüdische Welt. Wenn einzelne Individuen Gesinnungs- oder auch Kampfgenossen suchten, so schuf man neue Organisationen, die den Rahmen der Gemeinde, wenn nicht sprengten, so doch nicht als vorhanden betrachteten. Es ist geschichtlich festzustellen, daß die ideologischen Organisationen auch bis heute den Weg nicht dazu gefunden haben, den ideellen Kern der jüdischen