Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 1 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 14 (sequence 16)
- Belongs to
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14 Agudas Jisroel. I. Das Sollen.! Die Orthodoxie war — das darf heute geschichtlich festgestellt werden — 1von dem ersten Ansturm der Reform wie betäubt. Wie jeder Umsturz, so war auch die in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts einsetzende Neologie eine Unterbrechung der Kontinuität der Tradition. Auf geistigem Gebiete begann damals die Bibelkritik mit den Astruc’schen Theorien den Weg in die Massen zu suchen, im allgemeinen Leben machte man gegen die Traditionen Front, in deren Befolgung man ein Hindernis gegen die Emanzipation erblicken zu müssen glaubte. Es war ein Sieg des Lebens über die Lehre. Djas Assimilatiorisbestreben war ein Doppeltes : auf der einen Seite die Angleichung an die Kultur der Umwelt, auf der anderen Seite die Angleichung an die Religion der Umwelt. (Man vergleiche das Poem gelegentlich der Einweihung der Synagoge von Seesen, in welchem der Hoffnung Ausdruck gegeben wurde, daß dieser Tempel bahnbrechend sei für den Weg, auf dem die Enkel Aharons und die des Stifters der christlichen Religion gefneinsam beten würden). Sobald nun innerhalb des Judentums eine Reaktion gegen diese Bestrebungen eintrat, die logisch nur das eine Ziel haben konnte, das Leben wieder der Lehre;anzuordnen, mußte sie damit rechnen, daß diese beiden Angleichungsbestrebungen gewaltige Fortschritte gemacht hatten. Auf dem Gebiete _der Kultur waren sie im Westen restlos sieghaft, im Osten fast restlos abgewiesen. (Die Haskalah, welche ,im Grunde genommen eine Parallelerscheinung zu den Reforimbestrebungen des Westens war, hatte in die Massen keinen (Eingang gefunden.) Auf dem Gebiet des Kultus hingegen war auch im Westen der Angleichungsversuch in den ersten Anfängen stecken geblieben. Die damals noch zahlreichen jüdischen Siedlungen auf dem Lande hätten die Reform nach dieser Richtung fast einmütig abgelehnt, im Osten waren pur ganz vereinzelte Spuren dieser Kultusassimilation vorhanden. Das rührte daher, weil dort, wie auch heute noch, das jsynagogale Leben bei weitem nicht den Mittelpunkt des Gemeindelebens bildet wie bei uns und weil andererseits die Haskalah dem Kultus gegenüber vollkommen desinteressiert war.