Nahalat tsevi
- Journal
- Nahalat tsevi
- Volume
- I (5691) 1930/31
- Issue
- Heft 1 (November 1930)
- Date
- 1930-11-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Belongs to
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■־- 6 — phale Bedrängnis, in die das Judentum infolge der geistigen, sittlichen, religiösen und wirtschaftlichen Krise der Gegenwart geriet.;Wir wollen die Gemüter aufrütteln mit unserer Klage, damit sie sich wehren gegen das Verhängnis eines stummen Verzichts auf jede Hoffnung auf ein Besserwerden und nicht schweigend unter ihm versinken. Klagen wollen wir über die geistige Oberflächlichkeit und sittliche Verwahrlosung der Zeit, über ihre Unentschiedenheit und Charakterlosigkeit,!über ihren Mangel an Treue und Ehrfurcht, über ihren Verrat |der Idee an jene ungeistige Sachlichkeit, die hinstarrend auf den greifbaren Erfolg des Augenblicks den Aspekt der Ewigkeit verliert . i Als zweite Inschrift der Buchrolle leuchtet uns das Wort ״Gedanken“ entgegen. Unfruchtbar ist jede Klage, die in skeptischer Verneinung sich erschöpft. Zu den ewigen Gedanken des Judentums haben wir das Vertrauen, daß sie die Schäden und Gebrechen der Zeit zu heilen vermöchten, wenn es gelänge, sie vor den Augen der Zeitgenossen, die in ungezählter Schar nach einem positiven, sie wirklich ausfüllenden jüdischen Lebensideale aufrichtige Sehnsucht haben, in der ganzen Pracht ihrer Schönheit und überwältigenden Größe ihrer göttlichen Abkunft auszubreiten. Die Unzulänglichkeit der jüdischen Politik, der jüdischen Gemeinde, der jüdischen Organisationen, der jüdischen Jugend, der ewige Widerstreit zwisehen Religion und Nationalismus, Glauben und Wissen, Thora und Derech Erez, Einheit des Denkens und Zwiespältigkeit des Vorbringens — diese ganze ungesunde, unfrohe, geistig und seelisch aufreibende Problematik unserer jüdischen Wirklichkeit ist ja im tiefsten Grunde auf Mangel an echtem Thbrawissen, auf Mangel an rechter Thoraerkenntnis, auf Amhaareztum zurückzuführen, das freilich mit seinen tiefsten Wurzeln von heute auf morgen nicht besiegt werden kann, weil wir alle ja noch mit jenem übermächtigen Strom der Entwicklung treiben, der mit Mendelssohn hervorbrach und den Rabbiner Hirsch mit dem gewaltigen Stauwerk seiner Botschaft zu meistern suchte. Jedoch immerfort zu sagen, was ist und werden könnte, dem Amhaareztum der Zeit nach dem Vorbilde Hirschs mit den geistigen Waffen unseres heiligen Schrifttums zu begegnen, einen Wegweiser aufzustellen, an den sich Irrende und Schwankende in Sturm und Drang zu halten vermöchten, das ist